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Profil
von Werner Krotz
Schriftsteller
Mensch
Feuer
Gedankensplitter
Wir sind Kirche
GEDANKENSPLITTER 101 - 200
Jeder Mensch ist von Natur aus Muslim
-
12. Mai 2012
Es gibt einen Hadith (eine Überlieferung über den
Propheten Muhammad), der besagt: "Jeder Mensch ist von Natur aus Muslim." Als
ich diesen Hadith zum ersten Mal sah, dachte ich spontan: Das passt auf mich,
ich bin ein Muslim, denn Islam bedeutet einfach die totale Hingabe an Gott.
Vielleicht finde ich einmal Zeit, die vielen
Stellen im Qur'an, die über Jesus und Maria sprechen, abzuwandeln, im Sinn einer
totalen Nachfolge Jesu. Wenn diese Abwandlungen undogmatisch erfolgen, können
sie vermutlich von Muslimen, die Muhammad undogmatisch nachfolgen, wohlwollend
aufgenommen werden.
Auf www.mykath.de habe ich eine wunderbare
Erklärung dieser Zusammenhänge gefunden, von Ennasus. Ich zitiere einen
Ausschnitt davon:
"Wenn Muslime sagen: Jeder Mensch ist von Natur
aus Muslim, kann mich das erschrecken und ich kann mich vereinnahmt fühlen.
Wenn ich aber weiß, dass die Grundintention des Islam ist zu sagen: Der Mensch
und die Welt sind auf Gott hin ausgerichtet, alles ist ein Zeigen auf Gott, die
Wurzel des Wortes ist: ShaLoM, Frieden - Islam ist dann der Akt des Hingebens an
diesen Frieden - und Muslim das Partizip dazu: einer, der sich an Gott hingeben
will - und diese Hingabe ist das, was die Welt in ihrem Innersten will, und ein
Muslim ist einer, der das mit seinem Leben bezeugen will - dann habe ich gar
keine Probleme damit, mich auch selbst als Muslima zu bezeichnen.
Jesus wäre, wenn man so denkt, dass Menschsein sich in der Hingabe verwirklicht,
der größte Muslim. Und das muss man überhaupt nicht als Vereinnahmung verstehen,
sondern als Ausdruck dessen, dass es im Innersten der Religionen immer um das
Gleiche geht und wir einfach verschiedene Sprachen dafür gefunden haben.
Der interreligiöse Dialog und die Zuversicht, dass Verständigung möglich ist,
weil es im Letzten immer um dieselbe Wirklichkeit geht und wir als Menschen, die
wir alle sind, auch alle innerhalb dieser selben Wirklichkeit leben, ist für
mich Auftrag der Stunde. Es geht ums Übersetzen - und in der Folge dann auch um
die unterschiedlichen Schlüsse, die Menschen aus dieser gemeinsamen Grundannahme
und Grunderfahrung ziehen."
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Die Jüngerin, die Jesus liebte
-
5. Mai 2012
Nur im Johannesevangelium finden wir die
Formulierung "der Jünger, den Jesus liebte". Nach Rudolf Schnackenburg war er
mit Sicherheit eine historische Person: ein Jünger Jesu, der beim letzten
Abendmahl dabei war, aber nicht zum Kreis der Zwölf gehörte.
Beim Lesen des Reports "Jesus
und der Da Vinci Code" von Walter Hain wurde ich daran erinnert, dass
Leonardo da Vinci in seinem Bild "Das Abendmahl" ("Cenacolo") den rechts neben
Jesus sitzenden "Jünger, den Jesus liebte" mit weiblich anmutenden Gesichtszügen
gemalt hat und dass die "Felsgrottenmadonna", die Leonardo ungefähr zehn Jahre
vorher gemalt hatte, eine frappante Ähnlichkeit mit diesem Jünger aufweist.
Im Roman von Dan Brown wird behauptet, dieser
"Jünger, den Jesus liebte" sei in Wirklichkeit eine Frau gewesen, nämlich Maria
von Magdala. Und wenn man in einer Suchmaschine den Suchbegriff "Die Jüngerin,
die Jesus liebte" eingibt, bekommt man ausschließlich Ergebnisse zu Maria von
Magdala.
Ein Bild, das 1.500 Jahre nach Jesu Zeit gemalt
worden ist, liefert natürlich keinen historischen Beweis. Wir können nicht
wirklich sagen, wer beim letzten Abendmahl vor seinem Tod an Jesu rechter Seite
war. Auch das Johannesevangelium ist nicht in jedem Detail historisch zu
verstehen. Der Begriff "der Jünger, den Jesus liebte" kommt dort fünfmal vor: in
Joh 13,23; 19,26; 20,2; 21,7; 21,20. Was würde es bedeuten, wenn "der Jünger,
den Jesus liebte"
an diesen fünf Stellen eine Jüngerin gewesen wäre?
Sie wäre wohl beim letzten Abendmahl dabei
gewesen. (Joh 13,23.)
Wenn sie unter dem Kreuz gewesen wäre, wäre sie wohl Maria von Magdala. (Joh
19,26.)
Wenn sie mit Petrus zusammen zum leeren Grab gelaufen wäre, wäre sie nicht Maria
von Magdala. (Joh 20,2.)
Wenn sie dabei gewesen wäre, als Jesus den Jüngern nach dem nächtlichen
Fischfang erschien, wäre sie eine Fischerin. Zur Zeit Jesu gab es Fischerinnen,
doch erhielten sie höchstens die Hälfte eines Männerlohnes. (Joh 21,7.20.)
Die Frage nach einer kongenialen Gefährtin Jesu
geht über die Frage nach einer Jüngerin, die Jesus liebte, hinaus. (Siehe:
Wer war die
Gefährtin Jesu?.)
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Maria mit dem Kinde lieb
-
2. Mai 2012
Bei unserer gestrigen Pfarrwallfahrt besuchten
Gerhild, meine Frau, und ich auch den Marienwallfahrtsort Loretto im Burgenland.
Über dem Eingang zum Kirchhof befindet sich eine Steinskulptur. Sie zeigt eine
junge Frau mit langem Haar. Die Frau trägt ein stark tailliertes Kleid mit
Blumenranken. Auf dem Kopf trägt sie eine Krone. Auf ihrem linken Arm sitzt ein
zwei- bis dreijähriger Knabe mit langem Haar. Auch er trägt eine Krone. Die
rechte Hand hat er erhoben. In der linken Hand hält er eine Kugel. Die Skulptur
zeigt Maria mit dem Jesuskind. Aber stellen wir uns einmal vor, jemand, der
keine Ahnung von der Tradition der Marienverehrung hat, was würde er sehen? Eine
Königin, die den Kronprinzen trägt. Die Kugel könnte er als Zeichen dafür
auffassen, dass das kleine Kind schon die Herrschaft innehat. Wie ist das
möglich? Ist etwa der Vater schon gestorben?
Maria mit dem Kind wird vom 12. Jahrhundert an
als die Madonna verehrt. Die beiden Kronen bedeuten, dass Maria so wie Jesus
vollendet ist, dass sie beide in die unmittelbare Nähe Gottes, des Vaters,
gerückt sind und die entsprechende Strahlkraft und Wirkmacht entfalten. Wenn
Jesus in solchen Darstellungen von Maria als Kind gehalten wird, so drückt das
aus, dass Maria ihn immerzu auf die Erde bringt. Es drückt nicht aus, dass der
auferstandene und kosmische Jesus das Weltall zur Vollendung führt. Es drückt
nicht die Selbstständigkeit und Freiheit der Menschen aus, die Jesus in seiner
Ganzheit lieben und nicht nur als Kind.
Aber kommt es nicht gerade auf die Entfaltung der
eigenen Strahlkraft und Wirkmacht in der Nachfolge Jesu an? Bei aller Liebe zu
Maria sollen wir doch nicht ihre unmündigen Kinder bleiben.
Ergänzung von Gerhild Krotz:
Maria hält ihren Sohn im Arm. Man spürt noch
nichts von seinem Leiden und seiner Auferstehung, von seiner kosmischen
Realität. Maria bringt Jesus immerzu auf die Erde, das heißt, sie bringt Gottes
Liebe auf die Erde. Maria hält auch mich in ihrem Arm. Sie lässt mir Freiheit,
ohne dass sie mich einschränkt. Ich fühle mich nicht als ihr unmündiges Kind.
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Singt halleluja - weil es brennt der Huat
-
19. April 2012
Gerhild, meine Frau, und ich waren gestern im
Wiener Theater Akzent. Birgit Denk und die
Novaks brachten unter dem Titel "Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn"
Kabarettlieder der 50er-Jahre, noch immer aktuelle Lieder von Georg Kreisler,
Cissy Kraner, Gerhard Bronner und vielen anderen, in neuer Instrumentierung und
witzigen Arrangements.
Besonders ein Lied, das ursprünglich von Kurt
Sowinetz gesungen wurde, lässt mich nicht los, genauer gesagt der Refrain:
Singt halleluja,
halleluja, singt halleluja, halleluja.
Singt halleluja,
halleluja, singt halleluja, weil es brennt der Huat.
(Hier zu hören:
Kurt
Sowinetz - Halleluja, der Huat brennt.)
Dieser Refrain ist hochaktuell. Denn wo brennt
nicht der Hut in Politik, Wirtschaft, Umwelt und Religion? Ist es dann zynisch,
halleluja zu singen, Gott zu preisen? Oder steckt nicht doch das Verlangen
dahinter, dass der Hut noch gelöscht werden kann?
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Die kosmische Messe -
17. April 2012
"Als
Teilhard de Chardin sich auf einer Expedition in der Wüste befand und als
Priester die Messe feiern sollte, doch weder Kelch, noch Brot, noch Wein hatte,
da sich das in den Tiefen Asiens, in der Mongolei zutrug, stieg er vor
Sonnenaufgang auf einen der kahlen Felsen und beobachtete, wie sich das Leben
regt, wie das Licht über den Horizont steigt, wie die Wüste zum Leben erwacht,
die Mondsichel verblasst und die Sonne aufsteigt. Er erlebte diese Geschehnisse
als kosmische Liturgie. Wie die Heiligen Gaben wurde die Sonne erhoben und so
spürte er, was diese Heiligen Gaben sind. Denn die ganze Schöpfung – Wind,
Berge, Lebewesen - wird zum Leib Gottes." (Aus: "Alexander Men - Gespräche über
Glaube und Kirche" von Wolfgang Schmidinger, S. 103.)
Vorgestern
war der Sonntag nach Ostern, Weißer Sonntag. Am Vormittag war noch unser
Schwiegersohn Clemens mit der Dogge da. Wir blieben lieber bei ihm als in eine
Kirche zu gehen. Am Abend feierten Gerhild, meine Frau, und ich die Eucharistie.
Das Hochgebet sprechen wir immer abwechselnd.
Bei dem Teil,
der der Wandlungsepiklese entspricht, sagten wir:
"Wir haben hier Brot und Wein und bitten dich: Sende deinen Geist auf uns herab
und reinige, heile und heilige uns, damit wir Leib und Blut des auferstandenen
Jesus in diesen Gaben erkennen und uns immer mehr mit ihm und untereinander
verbinden."
Alternativ dazu verwenden wir
auch die folgende Formulierung, in der die Schechina, die Einwohnung ausgedrückt
wird: "Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit Leib und
Blut des auferstandenen Jesus in ihnen wohnen und uns immer mehr mit ihm und
untereinander verbinden."
In einem späteren Teil des
Hochgebets sagten wir dann:
"Wir bitten dich: Lass uns durch Brot und Wein Jesu Leib und Blut
aufnehmen, damit wir immer mehr verwandelt werden und den Frieden bringen."
(Siehe auch:
Auf der Suche nach der authentischen Eucharistie.)
Während der Kommunion hatte
ich vorgestern folgendes Erlebnis: Der Leib des auferstandenen Jesus war auf
einmal wie ein Schleier da. Er hatte keine menschliche Gestalt. Er verband sich
so innig mit dem Fladenbrot, dass sie ununterscheidbar eins wurden. Ebenso war
es mit dem Blut des auferstandenen Jesus und dem Wein.
Für mich ist nun die
kosmische Messe, diese innige Verbindung überall wahrzunehmen und zu leben.
Dieser sich entfaltende Vorgang, das ist die Realität der neuen Zeit, die seit
zweitausend Jahren und gerade in diesen Tagen, wo man auf das Ende einer Epoche
des Maya-Kalenders seine Hoffnung setzt, wieder besonders intensiv herbeigesehnt
wird. Lassen wir die neue Zeit endlich zu, stellen wir uns ihr endlich ganz zur
Verfügung!
Subjektiv ist das, was
vorgestern mit mir geschah, ein Schlüsselerlebnis. Objektiv ist es ein
Schlüsselereignis.
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Mein apostolisches Glaubensbekenntnis
-
13. April 2012
Nach meinem Ave Maria und meinem Vaterunser bespreche ich nun mein
apostolisches Glaubensbekenntnis,
indem ich meine Bearbeitung
der in den Kirchen gesprochenen Fassung gegenüberstelle. Als mir vor langer Zeit
auffiel, dass die Gute-Nachricht-Bibel das Wort "Glauben" durch "Vertrauen"
ersetzt hat, war ich gar nicht damit einverstanden. Mittlerweile spreche auch
ich nicht mehr von Glauben, sondern von Vertrauen, denn ich glaube nichts mehr
und ich vertraue bedingungslos.
|
Ich vertraue auf Gott,
der uns Vater und Mutter ist,
der
die Liebe ist;
durch sein Sprechen entsteht die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Ich vertraue auf Jesus, den Messias,
Sohn Gottes wie keiner sonst,
auserwählt seit der Empfängnis,
geboren von Maria,
gelebt, um die frohe Botschaft zu bringen,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
dem Schicksal der Toten, die Gott nicht sehen, preisgegeben,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
eins geworden in Herrlichkeit mit dem Vater,
der ihm die Macht übertragen hat,
alle Menschen zu neuem Leben zu führen.
Ich vertraue darauf, dass Gott den Geist sendet,
jetzt und immerdar.
Aus allen, die Jesus nachfolgen,
ob sie ihn nun kennen und anerkennen oder nicht,
macht er die eine, heilige, zu Jesus gehörige Kirche,
die sich hingibt für alle Menschen,
sodass ihre Sünden vergeben werden
und sie das Leben empfangen,
das mit dem Tod nicht endet.
Amen. |
Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische (evangelisch: christliche) Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen. |
1.
Teil / Gott:
Wenn uns Gott Vater ist, dann ist er uns auch Mutter. Die zentrale Aussage ist,
dass er die Liebe ist, nicht, dass er allmächtig ist. Letzteres geht auf die
Bezeichnung "El Schaddaj" bzw. "Schaddaj" zurück, die in der hebräischen Bibel
7-mal (Langform) bzw. 41-mal (Kurzform) vorkommt. Die Bedeutung von "Schaddaj" ist unsicher.
Martin Luther übersetzte "El Schaddaj" mit "allmächtiger Gott".
Diese Übersetzung erzeugt das falsche Bild eines Gottes, der immer eingreifen
könnte, es aber nicht tut. Schaddaj ist nicht der All-Mächtige, sondern der
All-Genügende, die all-genügende Quelle. (Siehe auch:
Gott ist die
Leere und die Fülle.)
Nach dem ersten Schöpfungsbericht schuf Gott die Welt durch sein Sprechen. Nach
meiner Formulierung spricht Gott kontinuierlich, erfolgt die Schöpfung
permanent.
Die Erwähnung von Himmel und Erde erzeugt das falsche Bild von getrennten
Bereichen. Doch bereits das antike Judentum - nicht der Tanach, sehr wohl aber
der Talmud - spricht von der Schechina, der Einwohnung Gottes unter den
Menschen. Seine Gegenwart kann sich in einem überirdischen Lichtglanz
manifestieren, sie kann aber auch ohne jede ausdrückliche Manifestation einfach
die pure Anwesenheit Gottes und das Bewusstsein von seiner Präsenz sein. (Nach:
"Von der mystischen Gestalt der Gottheit" von Gershom Sholem, S. 142f.)
2. Teil / Jesus:
"Jesus Christus" ist zu einem Eigennamen geworden. Das verdeckt den Umstand,
dass er der Messias ist. ("Christos" ist die griechische Übersetzung von
"Messias".)
Die Formulierung „eingeborener Sohn“ stammt von Martin Luther. Im griechischen
Original des Glaubensbekenntnisses steht hier
"υἱὸς μονογενὴς" ("hyios monogenes"), was „einzig
geborener Sohn“ bedeutet. Das Wort monogenes kann aber auch "einzig in seiner
Art, einzigartig" bedeuten.
Dass der Heilige Geist eine Jungfrau schwängert, lasse ich weg. Die damit
verbundene Abwertung der Frau und der Sexualität ist zu unheilvoll.
Eine Zeile über das Leben Jesu habe ich eingefügt. Sein ganzes Leben ist für uns
entscheidend, nicht nur die Art seines Todes.
In meiner Fassung steigt Jesus nach dem Tod nicht hinab und fährt dann nicht
hinauf, um zur Rechten des Vaters zu sitzen, denn solche Ortsangaben und
anthropomorphen Vorstellungen entsprechen unserem Weltbild nicht mehr.
Eine wesentliche Änderung, die ich vorgenommen habe, besagt, dass Jesus alle
Menschen nicht richten wird, sondern dass er dabei ist, sie zurechtzurichten und
zu neuem Leben zu führen.
3. Teil / Geist:
Hier betone ich, dass die Sendung des Geistes immerwährend erfolgt.
Das, was ich unter Kirche verstehe, endet nicht an den Grenzen der
römisch-katholischen oder der evangelischen Kirche und auch nicht an den Grenzen
der sogenannten Christenheit. Die Hingabe dieser Kirche im weiten Sinn trägt zur
Vergebung der Sünden bei.
Die Auferstehung aller Menschen erwähne ich nicht explizit. Sie erfolgt
jedenfalls nicht am Ende der Zeiten, sondern ist ein Prozess, der mit dem Tod
eines jeden einzelnen Menschen beginnt.
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Der
Tod am Kreuz -
6. April 2012
Heute ist Karfreitag, der Tag, an dem um drei Uhr
Nachmittag der Todesstunde Jesu gedacht wird.
Der Qur'an tadelt die Juden wegen ihrer Ablehnung
Jesu: "Und weil sie sagten: 'Wir haben den Messias Jesus, den Sohn der Maria,
den Gesandten Gottes, getötet'. Doch sie haben ihn weder getötet noch
gekreuzigt, sondern es erschien ihnen nur so ... Doch nein! Gott hat ihn zu sich
erhoben. Und Gott ist allmächtig, allweise." (Sure 4, 157-158.)
Die Mehrheit der islamischen Ausleger sagt dazu,
dass ein anderer Mann, der Jesus ähnlich sah, gekreuzigt wurde. Die Sure enthält
keine Angaben über Jesu Todesart und -zeitpunkt, sondern sagt nur, dass Gott ihn
zu sich erhoben hat, was eine Ehre ist, die allen Propheten zuteil wird.
Es ist zu bedenken, dass der Qur'an mehr als 600
Jahre nach dem Tod Jesu verfasst wurde. Der 1. Korintherbrief und das
Markusevangelium enthalten hingegen die Aussagen sehr früher Zeugen.
1 Kor 15,3-7 enthält das früheste
Glaubensbekenntnis, das wir kennen. Wenn wir von den Formulierungen, die den
Glauben betreffen, absehen, so wird hier jedenfalls festgehalten, dass Jesus
gestorben ist und begraben wurde, und dass er verschiedenen Männern erschienen
ist. Die Frauen werden nicht erwähnt.
Nach dem Markusevangelium starb Jesus am Kreuz
mit einem lauten Schrei und wurde begraben. Maria von Magdala und zwei andere
Frauen fanden am dritten Tag das leere Grab und hatten die Erscheinung eines
Engels. "Da gingen sie hinaus und flohen vom Grabe hinweg; denn Zittern und
Entsetzen hatte sie befallen; und sie sagten niemand etwas davon, denn sie
fürchteten sich." (Mk 16,8.)
Nach den ältesten Textzeugen endet das
Markusevangelium mit diesem Vers.
Bart D. Ehrman, den ich als integren Fachmann
schätze, sagt zum Kreuzestod Jesu: "Tacitus' Bericht bestätigt, was wir von
anderen Quellen wissen, dass Jesus auf Befehl des römischen Statthalters von
Judäa, Pontius Pilatus, hingerichtet wurde." (Bart Ehrman, "The New Testament: A
Historical Introduction to the Early Christian Writings", p. 197.)
"Ich denke, wir können mit einiger Zuversicht
sagen, dass Jesus wirklich starb, dass er wahrscheinlich begraben wurde und dass
einige seiner Jünger behaupteten, ihn später lebendig gesehen zu haben." (Bart
Ehrman, "Jesus, Apocalyptic Prophet of the New Millennium", p. 229.)
Jesu Tod am Kreuz ist für mich eine historische
Tatsache. Seine Auferstehung oder Auferweckung ist für mich eine
Selbstverständlichkeit, denn jeder Mensch geht nach seinem Tod durch einen
Prozess, der zu seiner Auferstehung führt. Ich sehe allerdings einen Unterschied
zwischen Jesu Auferstehung und der Auferstehung anderer Menschen. Jesu
Auferstehung ist im Augenblick seines Todes gegeben, in einer Fülle von Licht
und Liebe und in der Vollmacht, die Liebe ohne Begrenzung durch Raum und Zeit
einzusetzen. Andere Menschen erreichen dieses Stadium nicht unmittelbar. In
meinem Buch "Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen"
habe ich das im Detail ausgeführt.
Eine weitere Frage ist die, ob der Kreuzestod
Jesu notwendig war, um die anderen Menschen aus ihren Fesseln zu befreien. Dazu
sage ich ein klares Nein. Die Gesamtheit seines irdischen Lebens und Sterbens
und darüber hinaus seine kosmische Existenz sind ein unvorstellbar großes
Geschenk an uns, dessen Bedeutung der Menschheit erst langsam klar wird. Keine
höhere Macht hat verlangt, dass Jesus der Sündenbock und das Opferlamm für alle
Vergehen der Menschen aller Zeiten sein soll. Jesus hat das furchtbare Schicksal
der Erniedrigung und des qualvollen Todes auf sich zukommen gesehen und ist
nicht ausgewichen, obwohl seine Flucht im Bereich des Möglichen gewesen wäre.
Auf diese Weise hat er sein Leben vollendet. Auf
diese Weise hat er der Menschheit einen Weg gebahnt. Es war seine Weise, die wir
mit größter Dankbarkeit annehmen dürfen.
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Eine neue Lehre mit Vollmacht
-
31. März 2012
Am Anfang seines Wirkens besuchte Jesus nach dem
Markusevangelium die Synagoge in Kafarnaum. Von dem, was dort geschah, lassen
mich zwei Sätze nicht los:
"Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat." (Mk 1,22.)
"Hier wird mit Vollmacht eine neue Lehre verkündet." (Mk 1,27.)
Von den vielen Bedeutungen, die das griechische
Wort εξουσια (exusia) hat, das hier verwendet wird, hebe ich drei hervor:
Autorität, Vollmacht, Freiheit.
Woher hat Jesus diese Vollmacht? Aus sich selbst?
Aus einem anderen? Aus einer umfassenden Wirklichkeit?
Ich gehe davon aus, dass bei Jesus die Hingabe
gegen unendlich gegangen ist, die Hingabe an Gott, den er mit Abba (Papa)
anredet und dessen Willen er über den seinen stellt, und die Hingabe an alle
Menschen, denen er begegnet. Aber mit seiner Hingabe ging auch seine
Ermächtigung gegen unendlich. Und so konnte er bald nach dem Ereignis in
Kafarnaum zu einem Aussätzigen sagen: "Ich will es - werde rein!" (Mk 1,41.)
Die vollständige Hingabe führte bei Jesus nicht
zur Vernichtung der Eigenständigkeit, sondern zum Aufblühen der
Eigenständigkeit. Und so kann, darf und soll es auch bei uns sein.
Welche kirchliche Obrigkeit lehrt und lebt dieses
Aufblühen? Wer im Christentum hat die neue Lehre verkündet? Wer hat sie selbst
gelebt? Es ist höchste Zeit!
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Wir feiern Eucharistie
-
14. März 2012
Vorgestern erschien in der Tageszeitung Standard
ein Artikel mit dem Titel "Illegale Messen - Rom ermittelt". Der Vorspann
lautete: "Tiroler Kirchenkritikerin Martha Heizer hat private Eucharistiefeiern
veranstaltet - Gilt als schweres Vergehen in der Kirche." Die Stellungnahme
des zuständigen Bischofs wird in den nächsten Wochen dem Vatikan zugehen, wo die
Glaubenskongregation, die Nachfolgeorganisation der Inquisition, entscheiden
wird.
Martha Heizer gehört zu einer Gruppe, die sich
seit Langem zu Bibellesung und Gebet trifft. Eines Tages bildete sich in der
Gruppe spontan der Wunsch, auch gemeinsam Eucharistie zu feiern, ohne
Anwesenheit eines geweihten Priesters. Eine dieser Feiern wurde im Vorjahr im
Fernsehen übertragen.
Was sagt der Codex Iuris Canonici, das Gesetzbuch
der römisch-katholischen Kirche, dazu?
"Can. 1378, § 2. Die Tatstrafe des Interdikts ...
zieht sich zu: 1° wer ohne Priesterweihe das eucharistische Opfer zu feiern
versucht ...
§ 3. In den Fällen des § 2 können je nach Schwere des Delikts andere Strafen
hinzugefügt werden, die Exkommunikation nicht ausgenommen."
Was bedeuten Interdikt und Exkommunikation in der
römisch-katholischen Kirche?
Exkommunikation bedeutet nach Wikipedia den
Verlust der Kirchengemeinschaft. "Der Exkommunizierte ist nach dem CIC von 1983
nicht berechtigt, die Sakramente oder Sakramentalien zu spenden oder zu
empfangen. Außerdem darf er kein kirchliches Amt oder kirchliche Dienste und
Aufgaben ausüben."
Das Interdikt (lat.: Untersagung) hat nur einen
Teil der Strafwirkungen der Exkommunikation zur Folge. "Die Tatstrafe des
Interdikts bedeutet für den Bestraften, dass er keine Sakamente empfangen oder
spenden darf, keine Sakramentalien spenden und keinen liturgischen Dienst bei
der Eucharistiefeier oder bei anderen Gottesdiensten übernehmen darf." (Nach
www.kirchenrecht.ch unter
"Nachgefragt".)
Gerhild, meine Frau, und ich machen auch solche
Feiern, meistens zu zweit, nur gelegentlich sind schon andere Leute
dazugekommen. Am ausführlichsten habe ich das in meinem Gedankensplitter
Auf der Suche nach der authentischen Eucharistie behandelt.
Da wir Martha Heizer gut kennen, macht es uns
betroffen, wie gegen sie und ihren Mann vorgegangen wird. Und wir fragen uns:
Was bedeuten unsere Eucharistiefeiern für uns?
Wir versuchen niemals, das eucharistische Opfer
zu feiern, weil wir nämlich die Opfertheologie ablehnen. Wir feiern Eucharistie
nicht in Konkurrenz oder Imitation von irgendetwas, das die römisch-katholische
Kirche darunter versteht. Wenn wir auch durch Säuglingstaufe der
römisch-katholischen Kirche angehören, so feiern wir doch Eucharistie nicht im
Namen der römisch-katholischen Kirche, sondern im Namen und in der Gegenwart des
auferstandenen Jesus.
Gott sei Dank sind Sprüche kirchlicher Gerichte
in der heutigen Zeit nicht mehr als Waffe einsetzbar. In meiner Mail an den
Bischof von Innsbruck habe ich in meinem Namen und im Namen von Gerhild
geschrieben: "Wir beide stehen in voller Solidarität zu Frau Dr. Heizer und
ihrer Gruppe, unabhängig vom Ausgang des Kirchengerichtsverfahrens. Frau Dr.
Heizer und ihre Gruppe werden für uns immer authentische Nachfolger Jesu
bleiben. Für uns hat Frau Dr. Heizer denselben Mut gezeigt wie Jesus, als er den
Tempelbetrieb kritisierte und dabei sein Leben riskierte."
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Der Nullblickwinkel -
12. März 2012
In diesen Gedankensplittern habe ich schon viel
über multidimensionales Schauen geschrieben,
beginnend mit dem
Eintrag
Liebe und Multidimensionalität.
Nun kommt das Gegenteil: Der Nullblickwinkel.
Vor genau einer Woche ist die Leiter
weggerutscht, als Gerhild, meine Frau, gerade die höchsten Blätter eines
Philodendron waschen wollte. Eine gebrochene Rippe ist sehr, sehr schmerzhaft.
Heute waren wir im Krankenhaus St. Pölten bei der Nachuntersuchung.
Selbstverständlich bin ich den ganzen Tag für sie
da, in diesen Tagen. Heute habe ich den Blickwinkel des Spitalsarztes
mitgekriegt, dann den Blickwinkel der Apothekerin, usw. Auf einmal habe ich mir
unwillkürlich gesagt: Jetzt lasse ich alle Blickwinkel beiseite.
Lieber will ich das denken, was gerade zu denken
ist - und das ist äußerst wenig.
Lieber will ich das tun, was gerade zu tun ist - und das ist äußerst einfach.
Lieber will ich das sagen, was gerade zu sagen ist - und es ist äußerst heilsam,
vieles nicht zu sagen.
In der Mathematik gehören die Begriffe Null und
Unendlich zusammen. Und wenn ich sage: Ich verwende keinen Blickwinkel, und: Ich
verwende alle Blickwinkel, ist das nicht nahezu dasselbe?
Ergänzung vom 19. März 2012:
Gerhild war mit den Füßen circa zwei Meter über
dem Erdboden, als der Unfall geschah. Gestern sagte ich mir: "Das ist doch nicht
normal, dass ihr bei dem Sturz nicht mehr passierte. Ich schau einmal nach, ob
da nicht ein Schutzengel im Spiel war." Im gleichen Augenblick sah ich genau an
der Stelle, wo Gerhild gestürzt war, eine Lichtsäule mit ganz besonderer
Atmosphäre, mit einer Atmosphäre von Du zu Du, aber in umfassender Weite. Die
Lichtsäule war das Wesen, das vor zwei Wochen eingegriffen hatte. Es war außen
von schimmernder Dichte und innen von kraftvoller Klarheit. Das entspricht dem,
was ich in meinem Buch "Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod
aller Wesen" in dem Kapitel "Engel und andere nie geborene Wesen" geschrieben habe:
"Die Klarheit der Engel geht im äußeren Bereich in eine schimmernde Weiße über."
Es ist für mich ein großes Geschenk, dass ich
sehen durfte, mit welcher Rücksicht, Kraft, Unbedingtheit und Unbezwingbarkeit
dieser Engel da ist. Gerhild und ich dürfen uns ihm anvertrauen und unsere
Existenzweise seiner annähern.
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Frieden
-
5. März 2012
Mt 5,9 wird in der Menge-Bibel so übersetzt:
"Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Söhne Gottes heißen."
In der BasisBibel wird der Vers so übersetzt:
"Glückselig sind die, die Frieden stiften. Denn sie werden Kinder Gottes
heißen."
In meiner Bearbeitung im Buch "Botschaft ohne
Grenzen" wird dieses Thema durch zwei Sätze abgedeckt:
"Glücklich werden die, die nicht Gewalt anwenden, sondern die Kraft weitergeben,
die sie von Gott empfangen, denn dadurch geschieht das, was Gott will."
"Glücklich werden die, die dort, wo Unfrieden herrscht, zum Frieden beitragen,
denn sie erleben sich als Kinder Gottes."
Hildegard Goss-Mayr und ihr Mann Jean Goss
widmeten ihr Engagement der Verwirklichung dieser Seligpreisung in ihrem Leben
und im Leben der Menschheit, im Rahmen des Internationalen Versöhnungsbundes,
der von Hildegards Vater mitbegründet wurde.
"Gewaltfreie, menschenwürdige und achtungsvolle
Mittel sind fähig, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, das Unrecht in den
Haltungen der Menschen zu überwältigen – und konsequenterweise auch in den
Strukturen. Sie schaffen die Möglichkeit für größere Gerechtigkeit, ja für
Versöhnung." (Hildegard Goss-Mayr, zitiert aus
www.versoehnungsbund.at.)
Der Weg, sich konsequent gegen Unrecht
einzusetzen und dabei keine Gewalt anzuwenden, ist kein Honiglecken. Als
Hildegard Goss-Mayr 1975 in Brasilien gegen Folter und die Ermordung
Unschuldiger eintrat, wurde sie selbst inhaftiert und psychischer Folter
ausgesetzt. "Wer immer sich für menschliche Grundrechte einsetzte, wurde
verhaftet. Viele starben unter der Folter ... Zahlreiche Berater wurden
ermordet, vor allem jene, die die Landbevölkerung im Kampf um die Bodenrechte
berieten." (Aus: "Wie Feinde Freunde werden", Hildegard Goss-Mayr, S. 115/116.)
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945
hat es eine ununterbrochene Folge von Kriegen und Bürgerkriegen gegeben. Wie man
auf www.conflicthistory.com sehen
kann, sind derzeit Afrika und der Nahe Osten am meisten betroffen. Medienberichte der letzten Zeit
melden, dass nicht wenige Länder
ihre Rüstungsausgaben drastisch erhöhen. Waffenhändler und Waffenproduzenten verdienen
Unsummen. Die unheilvolle Ideologie des Krieges gegen den Terror fördert
Konflikte und ruft neue hervor.
Im Jahr 2011 sind in Libyen und Syrien
gewaltfreie Demonstrationen in bewaffnete Bürgerkriege übergegangen, mit
Exzessen an Gewalt gegenüber unbeteiligten Männern, Frauen und Kindern. Die
laute Stimme schreit nach Vergeltung und Brutalität. Die Stimme, die
Gerechtigkeit ohne Hass und Gewalt erreichen will, ist ganz leise. Es ist die
Stimme, die immer beide Seiten eines Konflikts ernst nimmt und beachtet.
Der österreichische Zweig des Versöhnungsbundes
sucht derzeit Freiwillige für einen einjährigen Friedenseinsatz in der
Friedensgemeinde San José de Apartadó in Antioquia/Kolumbien. Diese Region ist
seit Jahrzehnten in einem blutigen Konflikt zwischen Polizei, Militär,
Inlandsgeheimdienst und
paramilitärischen Gruppen auf der einen Seite und den Guerillagruppen auf der anderen Seite. Opfer ist die von den bewaffneten Gruppierungen terrorisierte
Zivilbevölkerung. Seit der Gründung der Friedensgemeinde im Jahr 1997 wurden 150
Menschen ermordet, Gemeindemitglieder wurden immer wieder vertrieben, Vieh und
Geld gestohlen.
Es hat nicht jeder Mann und jede Frau
Unabhängigkeit, Mut und Sprachkenntnisse, um sich zu einem solchen
Friedenseinsatz zu melden. Ich kann das nicht. Aber ich kann immer mehr
Ausgewogenheit entwickeln, wenn ich auf meine Lebenskreise schaue.
Ausgewogenheit, die stets darauf hofft, dass selbst in zynischen Gegnern das
Herz ein Echo geben kann, wenn man ihnen zwar widersteht, sie aber spüren lässt,
dass man sie als Menschen voll akzeptiert.
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Änderung der Vergangenheit
-
26. Februar 2012
Heute Morgen beim Gebet ist mir etwas ins
Bewusstsein zurückgekommen, was ich eine Zeit lang vernachlässigt hatte. Was
auch geschieht, entscheiden oder erleiden wir in der Gegenwart. Aber sehen wir
von der Gegenwart einmal ab.
Es ist wichtig, nicht nur die Zukunft, sondern
auch die Vergangenheit in die Hände Gottes zu legen, nicht nur die Zukunft mit
allem, was kommen wird, mit Alter, Krankheit und Tod, sondern auch die
Vergangenheit mit allen Erlebnissen und Ereignissen, bis zurück zur Geburt, ja
sogar bis zurück zur Zeugung und Empfängnis. Und es ist wichtig, die Reinigung,
Heilung und Heiligung des eigenen Lebens und des Lebens aller Wesen nicht nur im
Hinblick auf alles Zukünftige zu erwarten und zu betreiben, sondern auch im
Hinblick auf alles Vergangene. So wird die Vergangenheit geändert und Steine
können von den Herzen fallen.
Was heißt das, die Vergangenheit wird geändert?
Kann man denn sagen, die Schüsse in den Kopf der US-amerikanischen
Kongressabgeordneten Gabrielle Giffords am 8. Januar 2011 haben nicht
stattgefunden? Oder der 50-minütige Herzstillstand des niederländischen Prinzen
Johan Friso, der am 17. Februar 2012 von einer Lawine verschüttet wurde, habe
nicht stattgefunden und habe keine schwere Großhirnschädigung ausgelöst? Nein,
so ist es nicht gemeint.
Kein Ereignis, das jemals stattfindet, ist
statisch und fixiert. Es besteht vielmehr aus dem Integral aller Blickwinkel
aller Wesen, die daran beteiligt sind oder davon erfahren. Und ganz besonders
kommt es auf meine und deine Blickwinkel dabei an. Das heißt nicht bloß, dass
man ein Ereignis so oder so sehen kann. Das bedeutet vielmehr einen Einfluss auf
die reale Struktur des Vergangenen und einen Einfluss auf die realen
Konsequenzen in der Zukunft.
Im Zeitgeschehen ist die Vergangenheit vorbei und
die Zukunft noch nicht da. Von einer höheren Warte her, die nicht an die Zeit
gebunden ist, sind Vergangenheit und Zukunft jedoch in gleicher Weise
zugänglich.
Ergänzung vom 21. März 2012:
Bei der Änderung der realen Struktur des
Vergangenen ist auch der Einfluss solcher Helfergestalten mit einzubeziehen, wie
ich eine in der Ergänzung zum Gedankensplitter
Der Nullblickwinkel
beschrieben habe. Welchen Einfluss hatte das Engelwesen auf die vergangene
Situation? Welchen Einfluss hat es jetzt?
Ergänzung vom 17. April 2012:
Vor ein bis zwei Tagen habe ich mich mit einer
vergangenen Situation auseinandergesetzt und fühlte mich total unfähig, die
Vergangenheit zu ändern. Ich empfand es nur als Last, verschiedene Blickwinkel
auf diese Situation einzunehmen oder zu generieren. Auf einmal war die Situation
weg, sie war gänzlich verschwunden. Ich habe keinen Begriff, was die Situation
war.
Nun frage ich mich: Ist es möglich, dass zwei
Blickwinkel einander völlig auslöschen, sodass eine Situation auf null geht? Und
ist diese Situation nur aus meinem Bewusstsein verschwunden oder existiert sie
einfach nicht mehr? Ich neige zu letzterer Annahme.
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Wer war die Gefährtin Jesu?
-
23. Februar 2012
In meinem Gedankensplitter
Aspekte der Weihe habe ich die
Aspekte meiner Weihe zusammengefasst, einer Weihe, die ich Tag für Tag erneuere.
Ich habe dort außerdem die Frage aufgeworfen, ob es wirklich realistisch ist,
sich dem Herzen einer Gefährtin Jesu zu weihen. Bis vor Kurzem habe ich das so
formuliert, dass ich mich dem Herzen Marias von Magdala weihe. In der letzten
Zeit habe ich deutlich ein flaues Gefühl dabei bekommen. Daher habe ich
übersinnlich nachgeschaut, was das bedeutet. Mir ist Folgendes herübergekommen:
Die Gefährtin Jesu war eine Maria, aber Maria von Magdala war es nicht.
Maria (aramäisch eigentlich Marjam) war zur
damaligen Zeit ein häufiger Frauenname. Von den kanonischen Schriften der Bibel
her kann man nicht sagen, dass Maria von Magdala die Gefährtin Jesu war. Sie war
ihm von Herzen zugetan, aber als Jüngerin, nicht als Gefährtin.
Ein apokrypher Text, der auf etwa 160 n. Chr.
datiert wird, ist das "Evangelium der Maria". Es wird manchmal auch "Evangelium
der Maria Magdalena" genannt, obwohl das aus dem Text nicht hervorgeht. Nach Mary Jane Chaignot ist die Maria des "Evangeliums der Maria" eine aktive
Jüngerin und vielleicht sogar Jesu Hauptjüngerin ("primary disciple"). Meiner
Meinung nach muss es offen bleiben, welche Maria gemeint ist.
Im Philippusevangelium, das mindestens 100
Jahre später als das Evangelium der Maria entstanden ist, wird Maria von Magdala
ausdrücklich als die Gefährtin Jesu bezeichnet, die er mehr liebte als die Jünger.
Der Spruch 55, in dem das steht, ist übrigens ein nur lückenhaft erhaltener Teil
der koptischen Übersetzung eines griechischen Originals, das verloren gegangen
ist.
Auch in der Pistis Sophia, deren Teile zwischen
150 und 300 n. Chr. verfasst wurden, kommt Maria Magdalena vor, als Auslegerin
von Texten und als Fragestellerin.
Im circa 100 bis 110 n. Chr. entstandenen
Thomasevangelium tritt ebenfalls eine Maria auf. Von der Ortschaft Magdala wird
auch in dieser Schrift nichts gesagt. Aus Logion 114 geht hervor, dass Maria zur
ständigen Begleitung Jesu gehört. Im Logion 21 sagt Maria zu Jesus:
"Wem gleichen deine Jünger?" Diese Maria bezeichnet sich selbst nicht als
Jüngerin. Das weist sie als ebenbürtig, als kongenial aus, als Partnerin,
Gefährtin. War es eine spirituelle Gefährtin? Von einer Hochzeit Jesu wird
nirgends berichtet. Vielleicht wollte er keiner Frau zumuten, mit ihm Kinder zu
haben, da sich das mit dem unsteten Leben eines Wanderpredigers nicht vertrug.
Sicher war er sich bewusst, dass seine Art zu leben und zu lehren zu einer
gefährlichen Konfontation mit dem jüdischen Establishment führen würde.
Daran, dass Jesus eine Gefährtin gehabt hat,
zweifle ich nicht. Aber ich sage jetzt nicht mehr: „Maria
von Magdala,
deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage meines Lebens und über den
Tod hinaus." Sondern ich bete: „Maria,
Gefährtin Jesu, deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage meines Lebens und über den
Tod hinaus." Und ich fühle, dass es so stimmt.
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Mein Vaterunser -
6. Februar 2012
Nach meinem Ave Maria bespreche ich nun mein Vaterunser,
indem ich meine Bearbeitung
der in den Kirchen gesprochenen Fassung gegenüberstelle. Das Gebet ist im
Zweiten Bundesbuch in zwei verschiedenen Versionen enthalten, nämlich im
Matthäusevangelium (Mt 6,9–13) und im Lukasevangelium (Lk 11,2–4).
Nur bei Mt heißt es "Unser
Vater, der du bist im Himmel". Bei Lk steht einfach "Vater".
Nur bei Mt findet sich der Satz "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf
der Erde".
Nur bei Mt findet sich der Teilsatz "sondern erlöse uns von dem Bösen".
Der abschließende Lobpreis ist weder bei Mt noch bei Lk enthalten. Er tauchte in
einer Gemeindeordnung vom Anfang des 2. Jahrhunderts auf und wurde in die
späteren Abschriften des
Matthäusevangeliums eingefügt.
|
Vater!
Deine Gegenwart werde erkannt.
Dein Königtum breite sich aus.
Dein Wille geschehe
in allem, was du geschaffen hast.
Gib uns heute, was wir zum Leben brauchen.
Und vergib uns unsere Schuld.
Lass auch uns unsern Schuldnern vergeben.
Lass uns dir immer ganz vertrauen
und löse uns aus allen Verstrickungen des Bösen.
Denn dein ist das Königtum
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen. |
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen. |
1.
Zeile:
Nur die kürzere Form ist eine echte Anrede. Außerdem ist Gott nicht "im Himmel",
er kann an keinem Ort festgemacht werden.
2. Zeile:
Es geht darum, sich der ständigen und immerwährenden Gegenwart Gottes
auszusetzen.
3. Zeile:
Das griechische Wort "βασιλεία" ("basileia") kann mit Königsherrschaft, Königtum
und Reich übersetzt werden. Die Königsherrschaft Gottes ist da. Es geht darum,
dass sie sich ausbreitet, dass wir Menschen ihre Anwesenheit immer deutlicher
in die Welt bringen.
5. Zeile:
In meiner Version
spreche ich nicht vom Himmel. In den alten Texten wird das Wort im Sinne des
altorientalischen Weltbilds verwendet. Nach diesem Weltbild ist die Erde eine
Scheibe und der Himmel ist ein Gewölbe darüber; er ist der Wohnort Gottes, in
dem sein Thron steht. Diese Bilder entsprechen dem heutigen Bewusstseinsstand
der Menschheit nicht mehr, wenn sie auch in vielen Menschen bis auf den heutigen
Tag nachwirken.
6. Zeile:
Was wir zum Leben brauchen, nicht mehr und nicht weniger.
8. Zeile:
In der kirchlichen Fassung ist zwischen Zeile 7 und Zeile 8 eine Bedingung
gegeben, nämlich die Bedingung, dass uns nur dann vergeben wird, wenn auch wir
vergeben. Ich habe diese Bedingung durch die Bitte ersetzt, dass uns geholfen
wird, vergeben zu lernen.
9. Zeile:
Gott ist nicht der Versucher.
Wie in PM-Perspektive 04/2006 berichtet wurde, hat Ruth Lapide
bei der französischen Bischofskonferenz nach jahrelanger Intervention erreicht,
dass zumindest in Frankreich stattdessen gebetet wird: "Und lass uns der
Versuchung nicht erliegen". Die Begründung für diese Version stammt von Pinchas
Lapide, aus seinem Buch "Ist die Bibel richtig übersetzt? Band 1", und erfolgt
durch Rückübersetzung des griechischen Textes ins Hebräische.
Ich habe lieber eine Formulierung gewählt, die tiefes, unerschütterliches
Vertrauen ausdrückt.
10. Zeile:
Ich habe eine Formulierung gewählt, die weniger dazu geeignet ist, Geschehnisse
auf einen bösen Komplex oder auf den Teufel zu projizieren.
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Mein
Ave Maria -
6. Februar 2012
In meinem Buch "Du bist Liebe
- Die Johannesschriften der Bibel in neuer Bearbeitung" gibt es einen Anhang mit
christlichen Grundgebeten in neuer Bearbeitung. Die Bearbeitungen sind aus dem
Jahr 2008. In den darauffolgenden Jahren habe ich sie weiterentwickelt. Drei
dieser Gebete bespreche ich nun in meinen Gedankensplittern, indem ich meine
Bearbeitungen den in den Kirchen gesprochenen Fassungen gegenüberstelle. Ich
beginne mit meinem Ave Maria. Die ersten vier Zeilen des Gebets stammen aus dem
Lukasevangelium (Lk 1,28.42).
|
Sei gegrüßt, Maria, du
Begnadete,
der Herr ist mit dir.
Gesegnet bist du vor allen Frauen
und gesegnet ist Jesus, den du geboren hast.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns alle,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. |
Gegrüßet seist du,
Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. |
1. Zeile:
Die antiquierte Grußformel ist vereinfacht.
"Voll der Gnade" kommt von
der lateinischen Vulgata ("gratia plena"). Im griechischen Originaltext steht
"κεχαριτωμένη" ("kecharitōmenē"). Das kann man übersetzen mit "du Begnadete",
"du Bevorzugte" oder "du Anmutige".
3. Zeile:
"Gebenedeit" kommt von
der lateinischen Vulgata ("benedicta"). Im griechischen Originaltext steht
"εὐλογημένη" ("eulogēmenē"). Das wird mit "gesegnet" übersetzt. "εὐλογημένη σὺ
ἐν γυναιξὶν" ("eulogēmenē sy en gynaixin") ist eigentlich ein Komparativ oder
Superlativ und bedeutet "mehr gesegnete als die anderen Frauen" oder
"gesegnetste unter den Frauen".
4. Zeile:
Die antiquierte Formulierung "Frucht deines Leibes" habe ich durch einen
Nebensatz ersetzt. Das geht allerdings nicht, wenn man den Rosenkranz betet. In
diesem Fall schlage ich vor: "Jesus, dein Sohn".
6.Zeile:
Statt "Sünder" schreibe ich "alle". Wenn man nämlich "Sünder" sagt, werden wir
alle als mit der Erbsünde Behaftete der makellosen Mutter Jesu
gegenübergestellt. Im Judentum gibt es bis heute keine Erbsünde.
Auch für die ersten christlichen Generationen gab es die Erbsünde nicht. Paulus
von Tarsus hat die Erbsündenlehre jedoch vorbereitet, durch eine überzogene
Interpretation der Geschehnisse im Paradies. Augustinus von Hippo hat um das
Jahr 400 diese Interpretation aufgenommen und weitergeführt und kann somit als
der eigentliche Vater einer Erbsündenlehre angesehen werden, die vor allem die
christlichen Kirchen des Westens bis heute belastet, wenn auch die
römisch-katholische Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil lieber von
Sündenverflochtenheit als von Erbsünde spricht.
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Illustrationen schenken neue Dimensionen
-
25. Januar 2012
Vor
einigen Tagen haben Gerhild und ich – wie schon öfter –
zusammen eine Eucharistiefeier gemacht, nach einer
Liturgie, die ich entwickelt habe. Der Codex Iuris
Canonici bedroht so etwas mit Interdikt bzw.
Exkommunikation.
An diesem Abend
war eine besondere kosmische Komponente dabei, die ohne
Zweifel dadurch ausgelöst wurde, dass ich mich in der
letzten Zeit in die Illustrationen vertieft habe, die
Astrid Gavini zu „Vom Tod zum Leben
- Ein
Buch für das Leben und den Tod aller Wesen“
gemalt hat, also zu meinem neuen Buch, das bis zur
Leipziger Buchmesse im kommenden März erhältlich sein
wird.
Es ist mir also
gelungen, die besonderen schöpferischen Blickwinkel, die
in diesen Illustrationen liegen, mit in den Blick zu
nehmen, ohne meine eigensten Blickwinkel zu verlassen.
Über das multidimensionale Schauen habe ich in meinen
Gedankensplittern schon viel gesagt, beginnend mit dem
Eintrag
Liebe und Multidimensionalität.
Diese
multidimensional bereicherte Eucharistiefeier ließ mich
verstärkt erfahren: Wir alle haben wirklich eine
kosmische Verantwortung, die über unser irdisches Leben
hinausgeht.
Dazu kommt aber noch
etwas anderes: Was bedeuten solche Bezeichnungen wie
"katholisch", "evangelisch", "reformiert", "orthodox"?
Sie sind einfach Bilder eines Kaleidoskops, das amüsiert
gedreht werden kann. Oder das beiseitegelegt werden
kann.
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So
komme ich zu mir -
14. Januar 2012
Das Gebet von Bruder Klaus, das seine Hingabe
ausdrückt, begleitet mich schon lange. In nicht wenigen Gedankensplittern habe
ich meinen Weg mit diesem Gebet beschrieben. Drei davon hebe ich jetzt hervor.
In
Hingabe als Grundprinzip des Lebens kann das Gebet in der Originalfassung
nachgelesen werden.
In
Meine neuen Bodhisattva-Gelübde wird mein eigener Weg der Hingabe
zusammengefasst und auf das Gebet von Bruder Klaus bezogen.
In
Mein Herr und mein Gott? ist der veränderte Text des Gebets zu sehen, den
ich bis gestern Abend verwendet habe.
In letzter Zeit, durch das Älterwerden und zwei
harmlose Krankheiten ausgelöst, ist mir immer klarer geworden, dass ich
besonders auch auf mich selbst schauen muss. Zur Hingabe gehört unabdingbar
dazu, dass man sich selbst in guter Verfassung hält und nicht dauernd in Stress
versetzt, dass man eben auch sich selbst liebt und nicht nur andere Menschen und
Wesen. Daher wurde das Gebet von Bruder Klaus immer unbefriedigender für mich,
bis mir gestern Abend schlagartig die neue Schlusszeile eingefallen ist, die den
Titel dieses Gedankensplitters bildet. Das Gebet spreche ich jetzt so:
Mein Gott und mein alles, nimm von mir, was mich
wegführt von dir.
Mein Gott und mein alles, gib
mir, was mich hinführt zu dir.
Mein Gott und mein alles, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir
und deiner Menschheit und deinem Kosmos.
So komme ich zu mir.
Jetzt stimmt das Gebet wieder für mich.
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Die grauenerregende Herrlichkeit
-
7. Januar 2012
Die Lehre des historischen Buddha beginnt mit den
vier edlen Wahrheiten. Die erste ist die edle Wahrheit vom Leiden. "Geburt ist
Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden, Sorge,
Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung sind Leiden; mit Unliebem vereint
sein, ist Leiden; von Liebem getrennt sein, ist Leiden; nicht erlangen, was man
begehrt, ist Leiden." (Aus: Nyanatiloka, "Das Wort des Buddha", S. 17.)
Das Leiden beim Nichterlangen dessen, was man
wünscht, wird so charakterisiert: "Den dem Altern, der Krankheit, dem Sterben,
den Sorgen, Klagen, Schmerzen, der Trübsal und Verzweiflung unterworfenen Wesen
steigt der Wunsch auf: 'Ach, dass wir doch nicht mehr diesen Dingen unterworfen
wären. Dass uns doch diese Dinge nicht mehr bevorstünden!' Solches aber lässt
sich nicht durch Wünschen erreichen." (Ebd., S. 19.)
Die drei Merkmale werden so beschrieben: "Alle
Gebilde sind vergänglich; alle Gebilde sind dem Leiden unterworfen; alle Dinge
sind unpersönlich."
"Körperlichkeit ist vergänglich, Gefühl ist
vergänglich, Wahrnehmung ist vergänglich, Geistformationen sind vergänglich und
Bewusstsein ist vergänglich. Was aber vergänglich ist, das ist dem Leiden
unterworfen; und was vergänglich, leidvoll und dem Wechsel unterworfen ist, da
kann man nicht mit Recht behaupten: 'Das gehört mir, das bin ich, das ist mein
Ich'." (Ebd., S. 25.)
Diese Formulierungen haben mit Pessimismus nichts zu
tun. Sie entwerfen ein Bild der Existenz der Wesen, die als Menschen auf der
Erde geboren werden und die Erde wieder verlassen müssen, ohne etwas mitnehmen
zu können.
Alles fällt einmal weg, alles löst sich auf. Doch in
diesem Wegfallen, in diesem Auflösen werden Samen der Erneuerung gelegt. Die
Samen gehen auf, wenn jegliches Wünschen wegfällt, schon während des Lebens auf
der Erde oder - bei späteren buddhistischen Lehrern - nach dem Tod.
Meine Körper- und Sinnenwelt ist ein schwer
einstellbares System geworden, das auf kleinste Reize mit kräftigen Meldungen
reagiert. Mein Erleben ist schön und schrecklich und sehr intensiv. Für meine
Erlebniswelt habe ich in meinem literarischen Tagebuch am 13. März 1993 den
Begriff "grauenerregende Herrlichkeit" kreiert.
Was wir von den Vorgängen auf der Erde berichtet
bekommen, vor allem wenn wir mehr als die Massenmedien einbeziehen, ist schön
und schrecklich, segensreich und bestialisch. Die Menschenwelt als Ganzes ist
ein schwer einstellbares System geworden, auf das man ebenfalls den Begriff
"grauenerregende Herrlichkeit" anwenden kann.
Wird das Grauen die Herrlichkeit lähmen und
zerstören? Das halte ich für unmöglich.
Wird das Grauen inmitten der Herrlichkeit die Augen
aufschlagen und sich endlich selbst erkennen? Dafür lebe ich.
Das ins Unermessliche gesteigerte Wünschen und das
Erlöschen des Wünschens werden eins sein.
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Christen und Jesuaner -
7. Januar 2012
Unlängst traf ich eine alte Freundin von Gerhild und
mir im Supermarkt, eine römisch-katholische Frau, die viel nachdenkt und liest.
Sie sagte zu mir: Eigentlich würde ich mich lieber nicht mehr Christin nennen,
sondern Jesuanerin.
Ich antwortete: Daran habe ich auch schon gedacht.
Viele andere haben schon daran gedacht. Zum Beispiel
Jürgen Kuhlmann. In einer Predigt zum zweiten Ostersonntag sagt
er: "Jesuaner nenne ich ... Menschen, die von Jesu
Programm ergriffen sind und überzeugt, seine Sache geht weiter. Von welcher
Religion oder Philosophie sie sonst geprägt sind, ist insofern unerheblich.
Gandhi, der Hindu, hat Jesu Gewaltlosigkeit genauer verstanden und radikaler
praktiziert als fast alle Christen. Dass die Jesuaner Auferstehung und Hoffnung
über den Tod hinaus nicht mitbekennen, unterscheidet ihre Glaubensgestalt von
der christlichen, mindert aber nicht ihren Glauben. Selig, die nicht sehen (dass
der Totgewesene lebt) und doch glauben: 'dass wir aus dem Tod hinübergeschritten
sind ins Leben, weil wir die Brüder lieben' (1 Joh 3,14)."
Ich sehe mich selbst als einen Jesuaner mit ganz
weitem Herzen. Für mich ist Jesus natürlich auferstanden, und der ganze Kosmos
gehört zu seinem Auferstehungsleib. Wenn ich ihn anrede oder über ihn spreche,
verwende ich aber immer seinen Namen und nie seinen Titel. Er ist er. Jesus ist
Jesus.
In der Zeitschrift "The Modern Review" wurde im
Oktober 1941 ein Artikel von Gandhi mit dem Titel "What Jesus Means to Me"
veröffentlicht. Ich übersetze nun einen Teil dieses Artikels.
"Was bedeutet also Jesus für mich? Für mich war er
einer der größten Lehrer, die die Menschheit jemals gehabt hat. Für seine
Gläubigen war er der einzig gezeugte Sohn Gottes."
"Für mich beinhaltet es eine spirituelle Geburt.
Mit anderen Worten, ich lege es so aus, dass in Jesu eigenem Leben der Schlüssel
seiner Nähe zu Gott ist; dass er wie kein anderer den Geist und Willen Gottes
zum Ausdruck brachte. In diesem Sinn sehe und anerkenne ich ihn als den Sohn
Gottes."
"Wenn der Mensch nicht vom Weg abkommt, verführt
durch falsche Lehren oder verdorben von falschen Führern, hat er in seiner Brust
einen Antrieb zum Guten und ein Mitgefühl, das der Funke des Göttlichen ist, und
das wird, wie ich glaube, eines Tages hervorbrechen in die volle Blüte, die die
Hoffnung der ganzen Menschheit ist."
"Ein Beispiel dieser Blüte
kann in der Gestalt und im Leben von Jesus gefunden
werden. Ich weigere mich zu glauben, dass es heute oder
in früheren Zeiten jemals eine Person gegeben hat, die
sein Beispiel nicht dazu verwendet hat, um ihre Sünden
zu verringern, möglicherweise ohne es zu begreifen. In
größerem oder kleinerem Ausmaß ist das Leben von allen
durch seine Anwesenheit, seine Handlungen und die Worte,
die seine göttliche Stimme gesprochen hat, geändert
worden."
"Und weil das Leben Jesu die Bedeutung und die
Erhabenheit hat, von der ich gesprochen habe, glaube ich, dass er nicht allein
der Christenheit gehört, sondern der ganzen Welt; allen Rassen und Menschen,
unter welcher Fahne, welchem Namen oder welcher Doktrin sie auch arbeiten, einen
Glauben bekennen oder einen von ihren Vorfahren ererbten Gott anbeten."
Dazu sage ich: Diesem Jesus, der jetzt und hier
lebendig ist, weil er auferstanden und kosmisch präsent ist, folge ich nach. Und
man kann ihm nachfolgen, auch ohne ihn zu kennen oder ohne ihn zu verstehen,
weil der Blick auf ihn durch Erklärungen und Taten von Menschen verzerrt und
verstellt worden ist.
Meine Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein
Gotteshaus ist die Erde.
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Jesus, dein Licht -
3. Januar 2012
In der letzten Zeit fällt mir immer wieder das Lied
mit diesem Titel ein. Der Text ist nach Joh 1,5; 3,19-21 und 2 Kor 3,18
gestaltet. Text der ersten Strophe und Refrain lauten in der deutschen Fassung
so:
"Herr, das Licht deiner Liebe leuchtet auf,
strahlt inmitten der Finsternis für uns auf.
Jesus, du Licht der Welt, sende uns dein Licht.
Mach uns frei durch die Wahrheit, die jetzt anbricht.
Sei mein Licht, sei mein Licht!
Jesus, dein Licht füll dies Land mit des Vaters Ehre!
Komm, heil'ger Geist, setz die Herzen in Brand!
Fließ, Gnadenstrom, überflute dies Land mit Liebe!
Sende dein Wort, Herr, dein Licht strahle auf!"
Die Power des Lieds liegt im Zusammenspiel von
Text und Musik. Leider finde ich keine akzeptable deutsche Aufnahme. Hier eine
gute Aufnahme des englischen Originals:
Shine, Jesus, Shine.
Wer beim Hören des Lieds sein Herz für diese
Power öffnen kann, bekommt eine Vorstellung davon, was in uns und mit uns
vorging, vor mehr als dreißig Jahren, als Johann Koller, der römisch-katholische
Pfarrer von Wien-Hernals, ein Seminar bei Heribert Mühlen besucht hatte, vom
heiligen Geist ergriffen wurde und zum Österreich-Leiter der charismatischen
Gemeindeerneuerung ernannt wurde. Er wollte in diesem Sinn seine Pfarrgemeinde
erneuern. Wie Jesus als Erstes zwölf Jünger berufen hatte, berief nun er zwölf
Personen, Männer und Frauen, und führte sie durch ein solches Seminar. Ich war
einer von den zwölf. Wir lieferten uns Gott aus, beteten um Heilung unserer
Erinnerungen und Erwartungen, erneuerten unsere Wassertaufe und wurden zur
Teilhabe an der Geisttaufe Jesu geführt. Dann begleiteten wir andere in weiteren
Seminaren.
Die Erneuerung der Pfarrgemeinde als Ganzes
scheiterte. Eine Pfarrgemeinde ist keine homogene, gleich gestimmte Menge. Die
charismatische Gemeindeerneuerung gab später ihren Anspruch, ganze Gemeinden zu
erneuern, auf. Heute heißt sie nur noch charismatische Erneuerung. Gerhild und
ich gehören nicht mehr dazu, sind aber den Impulsen treu, die wir damals
empfangen haben und die erst viel später zur Reife kommen konnten.
Leben, Tod und Auferstehung Jesu, Nachfolge Jesu,
kosmisches Wirken des auferstandenen Jesus - das alles sind für mich geistliche
Realitäten. Aber immer noch treibt der Fortschritt die Menschheit an, wie ein
Schwungrad, das nicht vorzeitig gestoppt werden kann, der Fortschritt, der die
Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehen lässt, der die Armen
versklavt und dahinsiechen lässt, der Unfrieden unter den Menschen und Völkern
sowie Vergiftung und Zerstörung der Natur mit sich bringt.
Ich rufe Gott auf, den Geist der Erneuerung,
nicht nur der charismatischen Erneuerung, sondern jeglicher aus Liebe zu den
Menschen und zur Erde geschehender Erneuerung auszugießen, und zwar nicht über
einzelne Menschen, sondern kollektiv, wie es noch nie geschehen ist. Die Zeit
drängt. Und die Zeit ist reif.
Jesus, dein Licht füll die Welt mit des
Vaters Glorie!
Komm, heil'ger Geist, setz die Herzen in Brand!
Fließ, Gnadenstrom, überflute die Welt mit Liebe!
Sende dein Wort, Herr, dein Licht strahle auf!
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Der Zeit ihre Religion -
1. Januar 2012
Heute wurde das alljährliche Neujahrskonzert der
Wiener Philharmoniker im Fernsehen übertragen. Im Intermezzo während der Pause
wurde kurz das Wiener Secessionsgebäude gezeigt, und der Wahlspruch der
Secession, der unterhalb der Kuppel angebracht ist, wurde besonders vergrößert:
"Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit." (Der Wahlspruch ist von
Ludwig Hevesi.)
"Das [1897/98 erbaute] Gebäude der Wiener Secession
gilt als bauliche Manifestation der Ideen der Künstlervereinigung rund um Gustav
Klimt, Koloman Moser, Carl Moll und anderen, die sich dem konservativen
Kunstdiktat des damaligen Künstlerhauses verwehrten ... Dem Fin de Siècle mit
einer ganzheitlichen Kunst begegnen, deren Lebendigkeit bis in die Niederungen
des Alltäglichen hinein wirkt! Dieser Anspruch sollte mit dem Gebäude der
Secession einen realen Ort erhalten." (Aus einem Weblog-Eintrag bei
CastYourArt.)
Man kann den Wahlspruch der Secession auch so
auffassen: "Kunst ist Avantgarde. Kunst ist autonom und frei." (Nach Thomas
Soraperra.)
In mir fragt etwas: Sollte man diese Sätze nicht
erst recht auf Religion anwenden?
Der Zeit ihre Religion, der Religion ihre Freiheit.
Der heruntergewirtschafteten Religion mit einer
ganzheitlichen Religion begegnen, deren Lebendigkeit in den Alltag hinein wirkt!
Religion ist Avantgarde. Religion ist autonom und
frei.
Religion ist Beliebigkeit, wenn in Beliebigkeit ganz
stark die Liebe steckt.
Religion ist Lebendigkeit, wenn ganz stark Liebe und
Verbundenheit darinnen stecken, jetzt und hier.
Religion ist für mich ganz tiefe Verbundenheit, von
Herz zu Herz, mit Jesus von Nazaret, Maria von Magdala (der Gefährtin Jesu) und
Maria von Nazaret (der Mutter Jesu).
Feedback von Martina Luger:
Dieses Offen-sein ist nur wenigen geschenkt.
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Existiert der Kosmos durch Sprechen oder Singen?
-
29. Dezember 2011
Den Beginn der Bibel bildet der Bericht von der
Schöpfung der Welt durch das Sprechen Gottes. Es wäre nun ein Irrtum zu glauben,
dass Gott jemals aufgehört hat zu sprechen. Gott spricht ständig in die Welt
hinein. Durch sein Sprechen entsteht alles, entfaltet sich alles, vergeht alles.
Durch sein Sprechen wird in alles der Keim der Unvergänglichkeit gelegt.
Den Prolog des Johannesevangeliums liebe ich sehr.
Nach diesem Prolog ist Jesus als Christus
(der Gesalbte) das Sprechen Gottes, das alles hervorruft, bewegt und zur
Vollendung führt.
Zu Weihnachten habe ich eine Klangschale bekommen,
die nach traditionellem Verfahren aus sieben verschiedenen Metallen in Nepal
handgehämmert wurde. Außerdem bekam ich das Klangschalen-Handbuch von Eva Rudy
Jansen und Dick de Ruiter. Im Kapitel "Der Ursprung der Dinge" kann man lesen:
"In den Schöpfungsberichten überall in der Welt trifft man auf den Klang als
Quelle aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Und dieser Klang ist den Dingen
erhalten geblieben. So haben alle Elemente der Schöpfung ihren eigenen Ton,
singen ihr eigenes Lied."
Das stimmt für mich zusammen mit Erlebnissen aus der
frühen Kindheit, als ich vor dem Einschlafen immer wieder unglaubliche Klänge
hörte und mich dabei durch den Weltraum getragen fühlte.
Kann man das, was den Kosmos trägt, also nicht nur
als Sprechen, sondern auch als Singen und Klingen und Tönen sehen? Kann man den
Schöpfungsbericht der Bibel und die Erweiterung durch das Johannesevangelium wie
folgt verstehen?
Gott singt, und sein Singen hält den Kosmos in der
Existenz, mit allem Werden und Vergehen und im Vergehen nicht Verlorengehen, mit
allem Singen und Klingen und Tönen, mit allen hörbaren und unhörbaren Tönen und
Geräuschen, die die Basis von allen Dingen, von allen
Wesen bilden. Und Gottes Singen ist Mensch geworden und hat unter uns gelebt.
Wer stimmt ein in sein Lied?
Feedback von Astrid Gavini:
Das ist sehr interessant, und - denke ich an die
Lakota - fällt mir dazu ganz spontan nur eins ein: Der Schlag der Trommel im
Rhythmus des Herzens! Überall gegenwärtig, dort, wo die Trommel geschlagen und
zu Wakan Tanka gesungen wird. Dieser Rhythmus ist der Träger jedes
traditionellen (spirituellen) Festes. Er ist der Rhythmus, die Sprache, der
Gesang, der mit dem Großen Geist verbindet und das Rad des Lebens dreht.
Ergänzung:
Im Juni 1876 wurde in einem üppigen Tal am Little
Bighorn River eine Indianerversammlung abgehalten, die Geschichte machte. Black
Elk war damals dreizehn Jahre alt. Vier Jahre davor hatte er genau an diesem Ort
seine große Vision empfangen. Nach Einbruch der Dunkelheit ertönten die Trommeln
im Rhythmus des Herzschlags der Tänzer. Black Elk sagte zu Joseph Epes Brown,
einem weißen Politiker: "Ich soll dir erklären, warum die Trommel für uns so
bedeutungsvoll ist. Ihre runde Form verkörpert die Ganzheit des Universums und
ihr gleichmäßiger, kraftvoller Rhythmus ist der Pulsschlag, das Herz, das im
Mittelpunkt des Universums schlägt. Er ist die Stimme von Wakan Tanka. Er bewegt
unser Herz und hilft uns, die Macht und das Geheimnis aller Dinge zu verstehen."
(Aus: "Black Elks Vermächtnis: Ein alter Pfad zu innerer Kraft - Auf den
Fußspuren eines heiligen Mannes der Lakota" von Linda L. Stampoulos, S. 31.)
Das erinnert mich daran, dass ich mich dem Herzen
der Erde und dem Herzen des Kosmos geweiht habe, in denen der transzendente Gott
sich zeigt. (Siehe: Aspekte der
Weihe.)
Feedback von Wolfgang Auer:
Ich bin der Meinung, der Kosmos existiert durch den
Rhythmus (Herzschlag). Es ist zu beobachten, dass Musik, die uns beruhigt, immer
60 Schläge pro Minute hat bzw. ein Vielfaches oder Teilbares: 60/90/120/150...,
jedoch Musik, die uns aufwühlt, gegen den Herzrhythmus komponiert wird:
110/130/170 Schläge pro Minute.
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Schrödingers Kleidermotte
-
20. Dezember 2011
Vor längerer Zeit habe ich auf der Website des
Autors Klaus-Dieter Sedlacek einen
Weblog-Eintrag mit dem Titel "Wie kann Schrödingers Katze gleichzeitig tot und
lebendig sein?" gefunden. Nach Wikipedia handelt es sich bei Schrödingers Katze
um ein Gedankenexperiment aus der Physik, das 1935 von Erwin Schrödinger
vorgeschlagen wurde. In diesem Experiment werden Vorstellungen der
Quantenmechanik, die nur im mikroskopischen Bereich gelten, auf ein
makroskopisches Objekt, eben auf die Katze, übertragen. Erwin Schrödinger wollte
damit die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik veranschaulichen.
In einem geschlossenen Raum
befinden sich eine Katze und ein instabiler Atomkern, der innerhalb einer bestimmten,
sehr kleinen Zeitspanne mit
einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt. Beim Zerfall wird Giftgas
freigesetzt, das die Katze tötet. Gemäß der Quantenmechanik
befindet sich der Atomkern nach Ablauf der Zeitspanne im Zustand der
Überlagerung (noch nicht zerfallen und zerfallen). Nun stellt man sich vor, dass auch die Katze im
Zustand der Überlagerung ist (lebendig und tot). Nach der Kopenhagener Deutung
entscheidet sich erst bei der Messung durch einen äußeren
Beobachter, ob die Katze tot oder lebendig ist.
Als ich Gerhild, meiner Frau, von Schrödingers Katze
erzählte, sagte sie: “Nie würde ich erlauben, dass eine Katze
für solche Experimente verwendet wird.”
Ich dachte nach, ob es ein Tier gäbe, das Gerhild akzeptieren würde. Da fiel
mir ein, dass sie am Tag davor ein paar Mottenlarven in einem Wandteppich gefunden
hatte. Daher fragte ich: “Und eine Kleidermotte?”
Sie antwortete nach kurzem Zögern: “Mit einer Kleidermotte kann man es machen.”
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Hair -
13. Dezember 2011
Das Musical „Hair“ wird in diesen Tagen wieder in der Wiener
Stadthalle gegeben, als „swingendes Erlebnis“, als „Flower-Power-Festival“. Gerhild,
meine Frau, und ich gehören zur 68er-Generation und für uns ist
dieses Musical ganz etwas anderes. Es ist Teil unseres Lebensgefühls.
1968 kam das Musical „Hair“ heraus, mit dem bezeichnenden
Untertitel „The American Tribal Love/Rock Musical“. Die Personen in „Hair“
bilden einen „Tribe“, einen Stamm, wie auch die indigenen Völker alle
stammesbezogen sind. Und sie nehmen psychedelische Drogen, wie auch bei den
indigenen Völkern Amerikas der Gebrauch des Peyote-Kaktus, der das Halluzinogen
Meskalin enthält, verbreitet ist. Als das Musical 1970 in der Wiener Stadthalle
gezeigt wurde, besuchten Gerhild und ich eine der ersten
Vorstellungen. Ich sehe noch heute vor mir, wie die langhaarigen Mitglieder des
„Tribe“ in den Gängen zwischen den Zuschauertribünen herabkamen und dabei
Kontakt mit uns aufnahmen. Als sie unten im Bühnenbereich ankamen, folgte bald
das erste Lied:
„Wenn der Mond im siebten Hause steht
und Jupiter auf Mars zugeht,
herrscht Friede unter den Planeten,
lenkt Liebe ihre Bahn.
Genau ab dann regiert die Erde der Wassermann …
Harmonie und Recht und Klarheit,
Sympathie und Licht und Wahrheit.
Niemand wird die Freiheit knebeln,
niemand mehr den Geist umnebeln.
Mystik wird uns Einsicht schenken
und der Mensch lernt wieder denken dank dem Wassermann.“
Dieses Lied
enthält in konzentrierter Form die Grundgedanken des New Age, die Hoffnung auf
ein neues Zeitalter. Aber wann beginnt denn nun eigentlich das
Wassermannzeitalter? Der „Tribe“ des Musicals „Hair“ feiert den Beginn des
Wassermannzeitalters schon 1968. Andere setzen den Beginn dieses Zeitalters auf
2000 n. Chr., wieder andere auf 2012 n. Chr., das Jahr, in dem es nach dem
Maya-Kalender zu einer Zeitenwende kommt. Genauere Überlegungen dazu habe ich in
meinem Buch „Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen“
im Exkurs über die Voraussagen der Maya und anderer angestellt. Dieses Buch wird
in den nächsten Monaten erscheinen.
Im zwölften Song der damaligen Aufführung wird das Hare
Krishna-Mantra gesungen, die Menschen werden zum Drop-out und Be-in eingeladen
und dazu, Trips (LSD) zu nehmen, und das Mantra geht über in ein
Marihuana-Mantra:
„Hare Krishna, Hare Krishna,
Krishna Krishna, Hare Hare.
Hare Rama, Hare Rama,
Rama Rama, Hare Hare.
…
Liebe, Liebe, Liebe, Liebe.
Drop out, drop out, drop out, drop out.
Be in, be in, be in, be in.
…
Marihuana, marihuana,
huana huana, mari mari.
Marihuana, marihuana,
huana huana, mari mari.“
Das letzte Lied des Musicals bringt die
Gesellschaftskritik auf den Punkt:
„Wir sehen einander hungrig in die
Augen,
in Wintermäntel eingehüllt
und in Düfte aus Retorten,
reden von einer Freiheit,
die nur auf dem Papier besteht,
während mit Musik das Boot,
in dem alle sitzen, schon untergeht.
Wir nur,
wir aber wissen, wenn wir singen,
wenn unsere Spinnwebsitars klingen,
das Leben kann von innen neu beginnen.
Lasst die Sonne,
lasst den Sonnenschein in euch hinein!“
Im deutschen Text
fehlt eine Zeile. Hier ist der Schluss im englischen Original:
„Answer for Timothy Leary, dearie:
Let the sunshine,
let the sunshine in,
the sunshine in.“
Im englischen
Text wird Timothy Leary erwähnt. Er propagierte in der Zeit, als das Musical
verfasst wurde, den freien und allgemeinen Zugang zu bewusstseinsverändernden
Drogen, und „Orange Sunshine“ ist ein Name für LSD. „LSD ist kein Suchtgift.
Körperliche Abhängigkeit tritt nicht auf, Entziehungserscheinungen fehlen.“
(Zitat aus: „Handbuch der Rauschdrogen“ von Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom
Scheidt.)
Meiner Meinung
nach kann ein Ersterlebnis mit LSD, das keiner Wiederholung bedarf, ein Schritt
zu einem umfassenderen Bewusstsein und zu einer Neuorientierung des Lebens
sein. Die Verarbeitung eines solchen Erlebnisses dauert jedoch äußerst lange und
wird durch weitere Einnahmen von LSD nicht gefördert, das weiß ich aus eigener
Erfahrung.
Ich habe noch die
Schallplatte mit der Originalaufnahme der deutschsprachigen Uraufführung von
„Hair“. Eine Besprechung des Musicals von Rolf Cyriax befindet sich auf der
Rückseite. Sie beginnt mit den Worten: „Der unbekannteste und geheimnisvollste
Teil der Hippie-Welt durchzieht das Musical HAIR: Die Mystik und Symbolik des
Wassermanns.“ Und so geht es weiter. Die gesamte Besprechung liefert mir den
Eindruck: Es geht um „die Hippies“, nicht um uns.
Meine Meinung
ist dazu konträr. Die Anliegen des Musicals beziehen sich nicht auf „die
Hippies“, auf die „Flower-Power-Generation“, deren Zeit nun – vierzig Jahre
später – wieder vorbei ist. Es handelt sich um bleibende Anliegen, die uns alle
angehen, um einen Appell zum Verzicht auf Gewalt gegen Menschen und die Natur.
Ein großes Anliegen des Musicals ist die Anklage gegen den Vietnamkrieg, in dem
die USA mit dem Abwurf des Entlaubungsmittels Agent Orange größte
Kriegsverbrechen begangen haben, unter deren Folgen die vietnamesische
Bevölkerung mit Missbildungen bei Kindern und erhöhtem Krebsrisiko bis heute
leidet.
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Alternative Gedanken zum Advent
-
27. November 2011
Gestern Abend hat der Advent begonnen. In der
abendlichen Eucharistiefeier wurden in den römisch-katholischen Kirchen die
Adventkränze geweiht. Gerhild und ich waren nicht dabei. Unseren Adventkranz
haben wir selber geweiht.
Schon vor vier Tagen war die Stimmung ganz
adventlich, als wir in einer Gruppe beisammensaßen, die sich zum Singen und
Beten, zu Schriftlesung und halbstündigem Schweigen, zum Gedankenaustausch
traf. Es wurde von der Ankunft Jesu gesprochen, in Betlehem im Stall und am
Ende der Welt.
Die Zeit des Advent beinhaltet das Gedenken der
Geburt Jesu, die vielleicht in Bethlehem erfolgte, und die Vorbereitung auf die
Wiederkunft des auferstandenen Jesus. Die ersten Christen erwarteten die
Wiederkunft Jesu in kurzer Zeit. Nach der Vision in der Offenbarung des Johannes
beginnt andererseits gegen Ende unserer Weltzeit ein tausendjähriges Reich, in dem der
auferstandene Jesus zusammen mit den auferstandenen Märtyrerinnen und Märtyrern
herrscht. Am Ende dieses Reiches schwinden nach dieser Vision Himmel und Erde, die allgemeine
Auferstehung und das allgemeine Gericht finden statt.
Am Ende der Offenbarung des Johannes sagt der
auferstandene Jesus: "Ja, ich komme bald!" und der Autor des Buches antwortet:
"Amen, komm, Herr Jesus!"
Gerhild und ich waren gestern Abend in der
evangelischen Michaelskapelle in Eichgraben bei einem besonders gestalteten
Nachtgottesdienst, der um 21 Uhr begann, mit vielen Kerzen und ohne elektrisches
Licht. Auch dort fiel ein Wort vom Ende der Offenbarung des Johannes: "Der Geist
und die Braut sagen: Komm!" Wenn Menschen, die sich Jesus zugehörig fühlen,
beisammen sind, dann ruft in ihnen der Geist Gottes, dann rufen sie als die
Braut dem Bräutigam Jesus zu: "Komm!"
Ein Lied, das ich bei der charismatischen
Gemeindeerneuerung vor vielen Jahren kennengelernt habe, geht mir in diesen
Tagen nicht aus dem
Kopf. Es ist das Resucitó, das Jesus als den Auferstandenen verkündigt und
eigentlich in die Osterzeit gehört. Im Refrain wird beim deutschen Text wiederholt gesungen: "Der Herr ist da, Alleluja."
Meinem Gefühl und meiner Wahrnehmung entspricht die deutsche Formulierung sehr.
Der auferstandene Jesus muss nicht erst kommen. Er ist da, in meiner Existenz
und in allem, was existiert, als der kosmische Jesus, als der Jesus, der alles
mit uns trägt, als der Jesus, der will, dass wir in seiner Nachfolge lernen,
alles mit den anderen Menschen und allen anderen Wesen zu tragen, bis wir die
Erde nicht mehr zerstören und in Frieden miteinander leben.
Er ist da. Glücklich, wer es jetzt schon spürt. Die
anderen werden es nach ihrem Tod immer mehr erfassen, in dem Ausmaß, in dem sie
aus Raum und Zeit herausgezogen werden. Wer Raum und Zeit nicht mehr unterworfen
ist, muss auf seine Auferstehung nicht warten, bis die Erde verglüht oder bis
sich der Kosmos auflöst, denn Warten gibt es nur in der Zeit.
Der Verfasser des Johannesevangeliums legt Jesus die
Worte in den Mund: "Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um
die Welt zu retten." (Joh 12,47.)
Das ist mein Verständnis von Jesus selbst und von
seiner Nachfolge. Richten kann für mich nur die Bedeutung haben, andere - ohne
Ausnahme - mitzutragen, bis sie zurechtgerichtet sind, bis das Ziel erreicht
ist, dass keiner verloren geht.
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Die
Namen Gottes -
21. November 2011
Vorgestern hat
Devakant ein Konzert in Wien gegeben, und Gerhild und ich waren dabei. Der
erste Eindruck, den ich von ihm hatte, war: Er gibt Raum. Er lässt Menschen sein
und werden. Er lässt sie aufblühen. Wer ist dieser Mann, der ganz hinter seiner
Musik zurücktritt? Der den Menschen außer seiner Musik noch ausdrucksstarke
Gemälde und Skulpturen schenkt? Der 1955 in Kalifornien geboren wurde und sich
1992 in der Toscana niederließ?
Auf seiner Homepage findet man folgende Beschreibung
(Übersetzung von Werner Krotz):
Devakant ist Komponist, Sänger und beherrscht eine
Vielzahl von Musikinstrumenten. Er hat die Traditionen sakraler Musik der Welt,
einschließlich des gregorianischen Chorals, der klassischen Musik Indiens, der
Musik von Zen-Klöstern und tibetanischen Tempeln und der schamanischen
Traditionen Mittelamerikas erforscht. Von diesen Wurzeln her schafft er eine
einzigartige Mischung von Klang und Stille und nimmt die Zuhörer in eine Welt
des inneren Geheimnisses, einen Platz des Friedens, der Harmonie und des
Wohlbefindens mit. Was er schenkt, ist ideal für Meditation, Heilung und
Energiearbeit sowie Entspannung, oder man genießt einfach die schöne Musik.
In einem Interview, das er dem Percussion Magazine
im Jahr 2004 gegeben hat, erzählt er, dass er mit acht Jahren begann, klassische
Trompete zu spielen. Ab dem sechzehnten Lebensjahr spielte er Flöte und mit
siebzehn Jahren begann er, auf dem Klavier und der Violine zu üben. Nun lasse
ich ihn selbst zu Wort kommen (Übersetzung von Werner Krotz):
"Unter den Instrumenten, die ich in meinen Konzerten
spiele, sind Bansuri (indische Bambusflöte), Kyotaku (japanische Bambusflöte),
Bassflöte, Sho (ein japanisches Rohrblattinstrument), Violine, Sarangi (eine
altindische Violine mit vielen Saiten), Vina (die altindische Vorgängerin der
Sitar), keltische Harfe, manchmal Keyboard und stets die Stimme. Ich spiele auch
Cello, aber derzeit nicht in meinen Konzerten."
Vorgestern kamen Klangschalen dazu. An seiner Stimme
und an den Instrumenten faszinierte mich der Obertonreichtum.
"Ich übe täglich. Bei jeder Übung gehe ich von der
Stimme aus. Wenn ich Flöte oder Geige oder sonst ein Instrument spiele, ist das
immer eine Erweiterung der Stimme. Um in einem indischen Stil Fortschritte zu
machen, muss das Instrument so geschmeidig werden, als ob es gar nicht da wäre.
Man muss mit dem Instrument verschmelzen, dann verschwindet es."
"Ich lebte ungefähr sieben Jahre in Indien und
studierte dort bei vielen Lehrern der klassischen indischen Musik. In dieser
Zeit wurde ich in meinen Studien von Osho, der mein Meditationsmeister war,
stark beeinflusst. Er wies mir ständig die Richtung, in der ich zum Spielen aus
einer Erfahrung der Stille kommen würde. Technik war nur ein Mittel, aber nicht
das Ziel. Die Musik musste aus einer Stille des Herzens entstehen, sonst würde
sie nur eine Art Lärm sein."
Von Osho hat er wohl auch den Namen Devakant
(Liebling der Götter) erhalten. Man könnte auch Liebling der Existenz sagen,
analog zu "Surrendered
to Existence".
Am Ende des Interviews sagte Devakant:
"Die Musik hat mir ein ganz wundervolles Leben
geschenkt, voll Zauber und Geheimnis und ständiger Abenteuer. Dazu war und ist
totaler Einsatz meiner Energie erforderlich und beständiger Kampf, um
Hindernisse zu überwinden, die manchmal sehr groß sind. Es ist so eine tiefe
Freude am Ende eines Konzerts, all die Gesichter der Zuhörenden zu sehen, die
voll tiefer Wonne sind, und ihre ganz reale Dankbarkeit zu fühlen. Ich denke,
das war das Ganze wert, die Millionen Stunden der Übung und des Kampfs und der
Anstrengung. Das ist es wert."
Von Kampf und Anstrengung war vorgestern Abend beim
Konzert nichts zu spüren, auch nicht davon, dass er am Vorabend ein Konzert in
Prag gegeben hatte und erst nach Wien reisen musste. Es war die Leichtigkeit
eines Menschen gegeben, der alle Instrumente inklusive seines eigenen Körpers
virtuos beherrscht. In vielen Kulturen nennt man einen Menschen dieser Art einen
Meister.
Vorgestern Abend brachte Devakant auch einige
Bhajans. Gegen Ende des Konzerts durften wir mitsingen. Eines davon lautet so:
Hari Om Namo Narayana. Om Namo Narayana. Hari
Om Namo Narayana.
Om Namo Shivaya ...
Nach der Erklärung des Liedes auf der CD "Inside
... Is Forever" von Devakant bedeutet das:
O Herr, dein Name, Om, ist die Wahrheit.
Weitere Erklärungen:
Hari ist ein Beiname von Vishnu. Hari heißt
"der die Herzen aller anzieht".
Om ist der Kosmische Klang.
Om ist eine Manifestation der spirituellen Kraft und bedeutet die Gegenwart
des Absoluten im Vergänglichen.
Hari Om ist ein Name Gottes, realisiert die Gegenwart Gottes.
Narayana ist ein Name für Vishnu.
Namo Narayana heißt "Ehre sei Vishnu".
Namo Narayana heißt auch "Ehre sei Gott im anderen Menschen".
Namo Narayana heißt auch "Ehre sei Gott in allen Wesen und im ganzen
Kosmos".
Namo Shivaya heißt "Ehre sei Shiva".
Namo Shivaya heißt auch "Ehre sei Gott in mir selbst".
Namo Narayana und Namo Shivaya sind heilige Namen Gottes.
Mit diesem Bhajan, das eine Aneinanderfügung von
Mantras ist, haben wir die Gegenwart Gottes realisiert und verehrt. Ich konnte
nicht anders, als mich von Devakant mit der Grußgeste des Namaste zu
verabschieden. Nach Deepak Chopra sagt man damit: "Ich ehre in dir den
göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit
eins sind." (Nach Wikipedia.)
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Surrendered to Existence
-
10. November 2011
Im Mai 2001 war ich in einer sehr schwierigen
Situation und ich holte Hilfe, wo immer ich konnte. Ich verbrachte einige Tage
in der Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte
Todtmoos-Rütte. Am 13. Mai 2001 hatte ich ein eindringliches Erlebnis und ich schrieb folgende Notiz in mein Tagebuch:
Heute beim Morgenspaziergang oberhalb von
Rütte:
Ich bin alle Herrlichkeit des Himmels und der Erde.
Niemals vergessen.
Und am 21. Mai 2001 schrieb ich das folgende
kleine Gedicht:
das zerborstene herz
verteilt sich fein
über die ganze welt
Zu Pfingsten 2001 nahm ich zum ersten Mal an einem
Wochenende der Singing Buddhas teil, in dem herrlichen, runden,
lichtdurchfluteten Dom, der sich im Garten des Waldhaus Zentrums Lützelflüh im
Emmental befindet. Viele der Leute, die zu diesen Wochenenden kommen, gehören zu
Oshos Buddhafeld. Einige der Älteren haben mit Osho zusammen in Poona (heute
Pune) bzw. Oregon gelebt.
Im August 2002 nahm ich an einem
Meditations-Wochenende mit Milarepa und seiner Band teil, das im Evangelischen
Tagungs- und Studienzentrum Boldern in Männedorf mit herrlichem Blick auf den
Zürichsee stattfand. An diesem Wochenende erhielt ich den Osho-Namen Devadas,
der für mich aus Poona geschickt worden war. Devadas ist ein indischer
männlicher Vorname und bedeutet Schüler, Diener oder Sklave von Deva. Das
Sanskrit-Wort Deva hat viele Bedeutungen. Ich führe hier nur die tiefste
hinduistische Bedeutung an: "Brahman in Form eines persönlichen Gottes." (Aus:
Lexikon der östlichen Weisheitslehren.) Die Leute aus Poona hatten die folgende
Erklärung des Namens mitgeschickt: Surrendered to Existence (hingegeben an die
Existenz).
Als im März 2003 eine kleine Schweizer Reisegruppe,
zu der auch ich gehörte, mit Beduinen und Dromedaren in der tunesischen Wüste
unterwegs war und zehn Tage lang im Freien übernachtete, war ich wieder in einer
sehr schwierigen Situation. Da sah ich einmal in der Nacht, wie sich eine
Sternschnuppe vom Himmel löste und zur Erde fiel. Spontan wünschte ich mir etwas
und verfasste zu diesem Wunsch das folgende Gedicht in englischer Sprache:
a shooting star
a wish
to be surrendered to existence
in a way
that makes it possible
to find that special love
and special path
i am destined to find
and live
Damit hatte ich, ohne es zu wissen, mein
Lebensprogramm formuliert. Dabei ist es geblieben, wenn ich auch den Namen
Devadas seit September 2005 nicht mehr führe. Totalhingabe ist der Ausdruck
meines Wesens geworden und ich bin immer am Üben, fast Tag und Nacht. Es geht um
Totalhingabe an den letzten Grund der Existenz. Wer oder was ist dieser letzte
Grund? Auf diese Frage hat man viele Antworten gefunden:
| Hinduismus |
Brahman, "das ewige, unvergängliche
Absolute; die höchste, nicht-duale Wirklichkeit". (Aus: Lexikon der
östlichen Weisheitslehren.) |
| Buddhismus |
Nirvāna, wörtlich Verlöschen, das
vollkommene Überwinden von Gier, Hass und Verblendung. (Nach: Lexikon
der östlichen Weisheitslehren.) |
| Daoismus |
Dao, wörtlich Weg. Das Dao ist namenlos.
Es ist das allumfassende 1. Prinzip, das allen Erscheinungen zugrunde
liegt. (Nach: Lexikon der östlichen Weisheitslehren.) |
| Judentum |
Das Tetragramm (JHWH), kann nicht
ausgesprochen werden, ist immer für uns da. |
| Islam |
Allah, das arabische Wort für Gott. |
| Christentum |
Der Gott Jesu. |
| Indianer Nordamerikas |
Mit Sakoiatisan (Irokesen), Wakan Tanka
(Lakota), Taiowa (Hopi) und Kitche Manitou (Ojibway) ist die Kraft
im Kern des Seins gemeint, eine unbegreifliche Totalität, die immer war
und immer sein wird und alles Sein umfasst. (Von: White Deer of
Autumn.) |
| Osho |
Die Existenz. |
Alle Worte in dieser Tabelle sind nur tastende
Versuche. Wer sie bloß mit dem Intellekt zu erfassen versucht, hat nichts in
Händen. Besser ist es, die Totalhingabe an den letzten Grund immer mehr in sich
selbst zu erleben. Sie bedeutet vollständige Gebundenheit und vollständige
Freiheit in einem, im Zusammenfall der Gegensätze. Sie bedeutet, in die
Sphärenharmonie einzustimmen, in einer Verfassung, die vollkommene Ruhe und
entschlossene Bewegung in einem ist, die alles Glück umfasst und keinem Unglück
ausweicht. So ist es in Psalm 150,6 ausgedrückt:
Klassische Übersetzung:
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!
Meine Bearbeitung:
Alles, was Leben hat, lobe den Herrn!
Was eigentlich gemeint ist:
Alles, was existiert, lobe den Herrn!
Jesus hat die Totalhingabe an Gott und die
Menschen gelebt wie niemand sonst. Der auferstandene Jesus lebt die Totalhingabe
an Gott und die Menschen und den Kosmos durch alle Zeiten und Räume und nimmt
uns mit.
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Jeder sein eigener Luther
-
8. November 2011
Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine Thesen
an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Das genaue Datum ist
historisch nicht gesichert. Jedenfalls wird an jedem 31. Oktober der
Reformationstag gefeiert. Am 31. Oktober 2011 waren Gerhild und ich beim
Gottesdienst mit Abendmahl in der evangelischen Kirche unserer Ortschaft. Der
Pfarrer entwarf in der Predigt ein eindringliches Bild von Martin Luther in der
Zeit von der Veröffentlichung der 95 Thesen bis zum Wormser Reichstag.
Anschließend sagte er einiges zu den Konsequenzen für unser Leben heute, brachte
aber nichts vor, was mich überzeugt hätte.
An Martin Luthers 450. Todestag (18. Februar 1996)
sind in Deutschland neue 95 Thesen zur Situation von Kirche und Gesellschaft
entstanden. Weder die Originalthesen noch die neuen Thesen können mir
durchgehend als Leitlinien dienen.
Wir leben in einer neuen Zeit. In einer Zeit der
wachsenden Möglichkeiten für Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und
Verantwortung für andere Menschen und die ganze Erde. Es gibt starke Tendenzen,
das zu unterdrücken, auf politischer und auf religiöser Ebene. Vielen Menschen
werden weltweit diese wachsenden Möglichkeiten vorenthalten. Daher wird die
Notwendigkeit immer dringender, Freiräume zu schaffen und Menschen entsprechend
anzuleiten. So kann man Menschen glücklich machen und die Erde heilen.
Ein Beispiel dafür ist das in Ägypten beheimatete
Sekem-Netzwerk, das europäisches und
ägyptisches Kulturgut vereint. Das Buch seines Gründers habe ich gelesen: "Die
Sekem-Vision: Eine Begegnung von Orient und Okzident verändert Ägypten" von
Ibrahim Abouleish. Seine Initiative hat 2003 den Right Livelihood Award, der
auch Alternativer Nobelpreis genannt wird, bekommen.
Mir geht es darum, die Freiheit einzufordern und zu
verbreiten, die Jesus auf die Erde gebracht hat. Alle Thesen, alle heiligen
Schriften der Welt sind Material in unseren Händen. Jesus hat uns den
Ausgangspunkt für die Entfaltung unserer hingebungsvollen Herzen nahegebracht,
zu unserem eigenen Wohl und zum Wohl anderer. In seiner Nachfolge ist jeder
Mensch sein eigener Luther.
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Gott ist die Leere und die Fülle
-
6. November 2011
Schon als Student habe ich die Aussage des Nikolaus
von Kues geliebt, der im 15. Jahrhundert lebte und sagte: In Gott fallen alle
Gegensätze zu einer Einheit zusammen. Das Widerspruchsprinzip der
aristotelischen Logik ist auf Gott nicht anwendbar.
Längst sind meine Blickwinkel durch Erfahrungen des
Hinduismus und Buddhismus bereichert worden und ich sage: Gott ist die Leere und
die Fülle. Das Wort "ist" darf dabei nicht im Sinne der aristotelischen
Metaphysik verstanden werden. Gott ist die Leere und es ist keine Aussage
möglich, wie er/sie/es in sich selbst ist. Gott ist die Fülle, er ist viel mehr
als bloß eine Trinität von Vater, Sohn und Geist. Er ist auch Mutter. Der Vater
ist nicht das bloß Zeugende. Die Mutter ist nicht das bloß Aufnehmende, sie kann
nicht auf die Materie reduziert werden, wenn auch das Wort "Materie" mit
lateinisch mater = Mutter bzw. matrix = Gebärmutter verwandt ist.
In der hebräischen Bibel gibt es Hinweise auf den
mütterlichen Gott. In 1 Mose 17,1 und
1 Mose 49,25 wird Gott "El Schaddaj" genannt. "El" ist eine Bezeichnung für
Gott. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel,
hat man für „Schaddaj“ das Wort euarestei (ευαρεστει) genommen, was "der
Allmächtige" bedeutet. Wir wissen nicht, was "Schaddaj" genau heißt, aber wir
wissen mit Sicherheit, dass die Übersetzung "der Allmächtige" falsch ist. El
Schaddaj ist vielmehr der Gott, der mehr als
genug ist, um die Bedürfnisse der Menschen in jeder Situation zu erfüllen. Gott
ist wie ein Feld, das im Überschuss Frucht hervorbringt. Von ihm/ihr kommt die
Segensfülle aus Brüsten und Mutterschoß. (Nach
Walter J. Hollenweger u.a.)
Im Hinduismus gibt es die Shakti, die Gemahlin
Shivas, die göttliche Mutter. Ich habe sie immer geliebt. "Sie ist die
Personifizierung der Urenergie, der Kraft Brahmans, der dynamische Aspekt
Gottes, durch den er schafft, erhält und auflöst." (Aus: Lexikon der östlichen
Weisheitslehren.)
Die Singing Buddhas, zu denen ich in meinen
Schweizer Jahren gehört habe, singen Lieder aus vielen spirituellen Traditionen,
auch Lieder, die die göttliche Mutter in all ihren Aspekten ehren.
Was ich da über Gott gesagt habe, dass er die Leere
und die Fülle ist, dass in ihm die Gegensätze zusammenfallen, trifft das nicht
letzten Endes auch auf dich und mich zu? Wer am Aschermittwoch in
römisch-katholischen Kirchen das Aschenkreuz erhält, hört vom Austeilenden die
Worte: "Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst" oder
"Kehr um und glaub an das Evangelium". Der erste Satz spricht den Menschen an,
der auf den Tod zugeht. Er ist endlich. Der zweite Satz spricht den Menschen an,
der auf die Auferstehung zugeht. Er ist unendlich.
Das erste Lied auf der CD "Motion of Devotion" der
Singing Buddhas ist ein Mantra in der Vertonung von Manish Vyas. Es hat den
folgenden Sanskrit-Text:
Sachara Chara Para Purna, Shivoham Shivoham
Nityananda Swarupa, Shivoham Shivoham
Anandoham Anandoham Anandoham Anandoham
Übersetzung auf der CD:
Meine wahre Natur ist unsterblich, ewig,
rein, unendlich.
Ich bin Shiva, eins mit dem Göttlichen.
Ich bin Wonne, ich bin Wonne - göttliche Wonne bin ich.
Eine genaue Übersetzung des Mantras konnte ich
nicht finden. Hier noch ein Satz aus einer Erklärung des Mantras von Sukadev
Bretz: "Ich bin Purna, Fülle, Erfüllung aus Para, aus dem Transzendenten
heraus."
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Auf der Suche nach der authentischen Eucharistie
-
28. Oktober 2011
Auf der Suche nach dem authentischen Leben bin
ich seit langer Zeit. Und ich finde immer wieder Hinweise, Erklärungen und
Gestalten des authentischen Lebens. Von meiner Lebensgeschichte her war es nicht
leicht, mich von einem niedergedrückten Zustand zu erheben, gerade dazustehen,
mich zu entfalten und aufzublühen. Aber seit Langem fasse ich das Leben als ein
großes Experiment auf, das aus vielen kleinen Experimenten besteht. Ein solches
Experiment, das besonders fruchtbar geworden ist, beschreibe ich jetzt.
Gerhild und ich hatten im Jahr 2008 an einem
Freitagabend an einer Vorabendfeier für den Sabbat in einem Haus der
Gemeinschaft der Seligpreisungen in der Hinterbrühl bei Wien teilgenommen. Diese
römisch-katholische Gemeinschaft fühlt sich mit dem Judentum besonders verbunden
und machte an diesem Tag eine Vorabendfeier mit Zeremonien, Liedern und Gebeten,
wie sie bei der jüdischen Vorabendfeier traditionell sind. Wir fühlten uns nicht
besonders angesprochen davon, aber ich dachte mir: Sollte es nicht auch eine
christliche Vorabendfeier für den Tag des Herrn geben? Und ich schrieb eine
Liturgie dafür. In deren Mittelpunkt befand sich das Teilen von Brot, denn der
auferstandene Jesus ist das Brot des Lebens, und das Teilen von Wasser, denn der
auferstandene Jesus ist das Wasser des Lebens. Nach dieser Liturgie feierten
Gerhild und ich eine Zeit lang am Samstagabend.
In mir entstand dann das Gefühl, dass das eigentlich
zu wenig ist, dass wir eine eigene Eucharistiefeier haben sollten. Also schrieb
ich im Jahr 2009 eine Liturgie für eine Eucharistiefeier im privaten Raum. Mein
Ausgangspunkt war die römisch-katholische
Liturgie und insbesondere das zweite Hochgebet der römisch-katholischen Kirche.
Ich vereinfachte und erweiterte die traditionelle Liturgie. Von den drei
Lesungen behielt ich nur die Lesung des Evangeliums, gemäß dem liturgischen
Kalender, aber nicht im Originaltext, sondern in den Bearbeitungen, die in
meinen Büchern "Du bist Liebe" und "Botschaft ohne Grenzen" veröffentlicht sind.
Das Hochgebet nahm ich in der Bearbeitung, die in meinem Buch "Jesus für alle"
veröffentlicht ist. Meine
Bearbeitung des Hochgebets änderte unter anderem die Wandlungsepiklese.
Originaltext im zweiten
Hochgebet:
Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit sie uns
werden Leib und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus.
Text in meiner ersten
Bearbeitung:
Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit Leib und
Blut des auferstandenen Jesus in ihnen wohnen und uns immer mehr mit ihm und
untereinander verbinden.
In dieser Bearbeitung habe
ich die nur in Vorstellungen der aristotelischen Metaphysik denkbare
Transsubstantiation durch die Schechina, die im Judentum die Einwohnung
Gottes bei seinem Volk ist, ersetzt. Die Schechina ist außerdem im
kabbalistischen Lebensbaum die unterste Sefira, die auch Malkuth genannt
wird, die Herrlichkeit Gottes in der Welt.
Im Jahr 2011 habe ich die
Wandlungsepiklese ein zweites Mal bearbeitet. Text in meiner zweiten
Bearbeitung:
Sende deinen Geist auf uns herab und reinige, heile und heilige uns, damit
wir Leib und Blut des auferstandenen Jesus in diesen Gaben erkennen und uns
immer mehr mit ihm und untereinander verbinden.
In dieser Bearbeitung habe
ich nicht mehr die Schechina thematisiert, sondern den auferstandenen Jesus,
der zum kosmischen Jesus geworden ist. Dazu bin ich vor allem durch die
Arbeit an meinem Sachbuch „Vom Tod zum Leben“ gekommen, das im Jahr 2010
entstanden ist, schon einen Verlagsvertrag hat, aber noch nicht erschienen
ist.
Statt
eines traditionellen Bußritus enthält meine Liturgie zwei Fragen und eine
Bitte:
Gibt es einen Menschen, dem wir nicht verzeihen können?
Gibt es bei uns eine Rücksichtslosigkeit, die einem anderen Wesen schadet?
Jesus, führe uns zu Einsicht und Umkehr.
Danach
folgt eine kurze Stille und die Antworten auf diese Fragen werden offen
ausgesprochen.
Anstelle eines normierten Tagesgebets erfolgt in meiner Liturgie vor dem
Evangelium die Einladung zu frei gesprochenen Gebeten, mit dem Schwerpunkt
Dank und Lobpreis.
Gerhild und ich begannen also im Jahr 2009, von Zeit
zu Zeit diese Eucharistiefeier zu begehen. In mir war Zittern und Zagen und
Angst davor, etwas Unrechtmäßiges zu tun, doch wir machten weiter damit. Die
Vorabendfeier machten wir nun nicht mehr. Je öfter wir die Eucharistie feierten,
desto natürlicher und selbstverständlicher wurde es. Ängste und Bedenken fielen
ab, Bestätigung und Kraft erwachten und wurden immer stärker. Natürlich besuchen
wir zusätzlich Gottesdienste mit Abendmahl in katholischen und evangelischen
Kirchen.
Ein entscheidender Schritt nach vorn fand unlängst
statt. Gerhild und ich waren bei der Eucharistiefeier nicht mehr allein. Nun
wirkt sie bereits über unsere Zweierbeziehung hinaus.
Vor ein paar Wochen hatte ich ein langes Gespräch
mit einem Beauftragten der evangelischen Kirche.
Nach seiner Meinung soll ein
Gottesdienst mit Abendmahl im öffentlichen Raum von einem Amtsträger oder einer
Amtsträgerin geleitet werden; im privaten Bereich ist das jedoch nicht
erforderlich. Dieses Verständnis sollte meiner Meinung nach maßgeblich für alle
christlichen Gemeinschaften sein.
Eucharistie zu feiern ist das
zentrale Vermächtnis, das Jesus denen hinterlassen hat, die ihn lieben. Er hat
es allen hinterlassen, ohne Ausnahme. In den Hausgemeinschaften der ganz frühen
Kirche wurde es so verstanden. Die Seinen sollen es für ihre eigene Stärkung
feiern und für ihre Sendung, allen Menschen zu dienen, diese Feier allen
Menschen und sogar allen Wesen ohne Unterschied darzubringen. Die
römisch-katholische Hierarchie hat dieses Vermächtnis Jesu missachtet. Sie hat
die Feier der Eucharistie den Menschen aus den Händen genommen und an sich
gezogen. So bremst sie den Strom des Segens.
Die römisch-katholische
Hierarchie hält den Behälter, in dem sie die Eucharistiefeier eingeschlossen
hat, mit Gewalt fest. Würde sie den Behälter öffnen und die Eucharistiefeier für
alle freigeben, die Jesus lieben, würde sich ein Strom des Segens in die Welt
ergießen. Die kleinlichen ökumenischen Streitigkeiten wären kein Thema mehr. Die
Kirchen und die Welt würden sich wandeln.
Doch viele Bischöfe und Priester
sind voll Angst. Welche Rolle würden sie denn dann noch spielen? Sie müssten
ihre Aufgaben neu entdecken, zum Segen für alle und für sich selbst. Die
Gottesdienste unter ihrer Leitung würden viele anziehen, die heutzutage nicht
mehr kommen, und würden alles bestätigend zusammenfassen.
Ergänzung vom 31. Oktober 2011:
In einem Feedback wurde mir
mitgeteilt: Um so zu feiern, ist
der Mut zum “heiligen Experiment” vonnöten, nach den Worten von
Karl Rahner: "Das
Wort vom Heiligen Geist bietet keine Rezepte, die man nur auszuführen brauchte.
Er befiehlt das Wagnis, das Experiment, die Entscheidung, die nicht mehr vor
allgemeinen Prinzipien (dem Gesetz und dem Buchstaben) adäquat gerechtfertigt
werden kann. Das Wort vom Heiligen Geist ist die Frage an jeden Einzelnen in
seiner unvertretbaren Einmaligkeit, ob er den Mut zum Wagnis, zum Experiment,
zum Aushalten des Widerspruchs der großen Menge habe."
Ergänzung vom 15. Dezember 2011:
Als Gerhild und ich am letzten
Samstagabend wieder gemeinsam zuhause Eucharistie feierten, wurde mir klar, wie
groß das Gewicht ist, das solche Feiern haben. Wir feiern Eucharistie in einem
kosmischen Raum, stellvertretend mit der ganzen Welt und für die ganze Welt.
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Du bist mein Du - ich bin dein Mu
-
22. Oktober 2011
Als wir im September auf der Insel Susak waren, habe
ich für Gerhild das folgende kleine Gedicht geschrieben:
welches geschenk
zu sagen:
mein du
dein du
du bist mein du
ich bin dein du
welches geschenk
zu wissen:
mein mu
dein mu
du bist mein mu
ich bin dein mu
das du
als mu
ist unendlich
Das japanische Wort "Mu" ist die Antwort des
Zenmeisters Jōshū in einem Kōan. Es bedeutet sinngemäß: Was auch immer du
festhalten willst, das ist es nicht.
Wenn nun Gerhild und ich das füreinander sind,
was dieses Gedicht ausdrückt, so sind wir es geworden und doch immer schon
gewesen. Im alltäglichen Leben heute entfaltet sich die Simultanität von allem,
was wir je erlebt haben, und zugleich die Kumulierung davon, über Zeit und Raum
hinausgehend. Wir hatten uns einander versprochen, am Rand des Verstehbaren,
dort, wo Zeit und Raum aus- und eingeschaltet werden. Zeiten des Schmerzes
konnten wir nicht vermeiden. So wurden wir das Wir, das wir sind und immer sein
werden, über den Tod hinaus.
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Die Türe ist offen -
17. Oktober 2011
Vor ungefähr zweitausend Jahren lebte in einem Dorf
namens Nazaret ein Mann, der von seinem Vater oder Stiefvater das Bauhandwerk
gelernt hatte. Er hieß Jeschua, ein Name, der damals häufig war und "Gott ist
freigebig" oder "Gott befreit" bedeutet. Als er ungefähr dreißig Jahre alt war,
ging er zu einem Bußprediger an den Jordan und wurde von ihm unter Wasser
getaucht. Als er aus dem Wasser stieg, hatte er ein einschneidendes Erlebnis. Er
wusste auf einmal, dass er von Kopf bis Fuß von Gott erfüllt war, in einer Art
und Weise, wie niemand sonst. Er begann, Schülerinnen und Schüler um sich zu
sammeln und als Wanderprediger herumzuziehen. Seit er dieses Erlebnis gehabt
hatte, war die Stimme Gottes immer in ihm lebendig, und trotz der großen Treue
zu seiner jüdischen Religion erwachte er zu einer immer größeren Freiheit und
Selbstständigkeit.
Er gab den Menschen ein einziges Gebot: "Liebe Gott
und liebe deinen Mitmenschen, denn er ist kostbar wie du." Diese Art der
Formulierung wählte er, weil es in seiner heiligen Schrift so stand. Ansonsten
hätte er sagen müssen: "Liebe Gott, liebe deinen Mitmenschen und liebe jedes
Wesen auf der Erde, denn es ist kostbar wie du."
Und er gab den Menschen ein einziges Ritual. Als er
nämlich kurz vor seinem Tod mit den Seinen beisammen war, nahm er während des
Essens ein Fladenbrot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen mit den
Worten: "Nehmt und esst. Das ist mein Leib, der für euch und für alle hingegeben
wird." Nach dem Mahl nahm er einen Becher mit Wein, sprach das Dankgebet und gab
ihnen den Becher mit den Worten: "Trinkt alle daraus. Das ist mein Blut, das für
euch und für alle vergossen wird. Tut dies zu meiner Vergegenwärtigung."
Jeschuas sehnlichster Wunsch war, dass ihm die
Menschen nachfolgen würden, in seine umfassende Freiheit und unausschöpfbare
Liebe hinein, dass sie so werden würden wie er und dass sich ihr Zusammenleben
und die ganze Erde in unvorstellbarem Maß verändern würde, zu einem Zustand des
vollständigen Friedens. Als er einmal in seinem Heimatdorf am Sabbat in die
Synagoge ging und ein Schriftwort auslegte, deutete er das an. Das regte die
Leute so auf, dass sie ihn fast vom Berg, auf dem Nazaret lag, in den Abgrund
gestoßen hätten.
Möglicherweise war Jeschua aber auch ein apokalyptischer
Prediger, der glaubte, dass dieses Friedensreich erst am Ende der Welt anbrechen
würde. Dann würde es unsere Erde nicht mehr geben, sondern eine neue Erde wäre
da. In den Evangelien wird beschrieben, dass er glaubte, das Ende der Welt würde
sehr bald, in wenigen Jahren kommen. Möglicherweise war Jeschua so sehr ein Kind
der damaligen Vorstellungen, dass er wirklich selbst von Heulen und
Zähneknirschen und ewiger Verdammnis am Ende der Zeiten sprach. In diesem Fall
hätte er einer zeitlichen Schuld eine ewige Strafe und damit eine übermäßige
Rache entgegengesetzt, die mit dem Gott der Liebe nichts zu tun hat.
Er machte den Menschen mit Entschlossenheit klar,
dass die Priesterkaste, die blutige Opfer darbrachte, die Menschen von Gott
ablenkte und ihnen noch dazu ein ungünstiges Bild von Gott vermittelte, von
einem Gott, der Angst machte und drohte. Als er wenige Tage vor seinem Tod in
Jerusalem zum Tempel hinaufging und den Betrieb dort betrachtete, ergriffen ihn
Trauer und Zorn. Er setzte ein Zeichen, indem
er einige Leute, die im Tempel verkauften und kauften, hinaustrieb und einige
Rinder und Schafe dazu. Einige Tische der Geldwechsler und einige Sitze der
Taubenverkäufer stieß er um. Und er sagte zu den Leuten: "Steht nicht
geschrieben: Mein Haus soll eine Stätte des Gebets werden für alle Menschen der
Erde? Ihr habt es aber zu einer Markthalle gemacht."
Er wusste, dass seine Botschaft der Erneuerung ihn
vor der Rache der Tempelpriester und der anderen vornehmen Männer nicht schützen
würde, und er wich ihrer Rache nicht aus. Wenn es wahr ist, was die Evangelien
berichten, schwärzten sie ihn bei der römischen Behörde an, indem sie
behaupteten, er wolle sich zum König machen, und die Römer richteten ihn hin,
mit der ungeheuer grausamen Todesart, die nur bei Sklaven und Aufrührern, die
nicht das römische Bürgerrecht besaßen, angewandt wurde.
Die Tempelpriester machten weiter wie bisher, doch
vierzig Jahre später wurde der Tempel von den Römern zerstört, als sie einen
jüdischen Aufstand niederschlugen.
Nach Jeschuas Tod bildeten sich Gemeinschaften von
Jüdinnen und Juden, die sich untertauchen ließen, wie Jeschua sich hatte
untertauchen lassen, die seinem Gebot nacheiferten und die sein Ritual
miteinander feierten. Dann breitete sich die Bewegung aus und viele
nichtjüdische Menschen kamen dazu. Die Jüdinnen und Juden waren bald in der
Minderzahl und ihr Lebensstil wurde nicht mehr als verbindlich angesehen.
Letzten Endes wurde daraus eine neue Religion. Es
gab wieder Hohe und Niedrige, und die Hohen ersannen viele Erklärungen, die in
den Worten und Vorstellungen des Hellenismus formuliert waren. Sie beschrieben
Gott selbst, Jeschua und Gottes Geist, nannten ihre Formulierungen Dogmen
und verfluchten und exkommunizierten alle, die sich nicht an ihre Dogmen
hielten. Den von ihnen Verfolgten sprachen sie alle Rechte ab, sie waren
vogelfrei. Die Hohen ersannen immer neue Gebote und ein Kirchenrecht, das ihnen
allein alle Macht gab, im klaren Gegensatz zu Jeschuas Intention. Und sie schulten und
indoktrinierten die Menschengenerationen jahrhundertelang.
Die Menschen sind geworden wie Vögel, die in
goldenen Käfigen auf ihren Trittstangen sitzen. Sie sehen nicht mehr, wie
prächtig und einmalig jeder von ihnen ist, und vor allem sehen sie nicht, dass
die Türen ihrer Käfige offen sind, denn Jeschua hat sie geöffnet und niemand
kann sie wieder schließen.
In unserer Zeit sind die Möglichkeiten
zur Selbstständigkeit so groß wie nie zuvor. Lasst uns Lieder spielen, die
die Menschen dazu einladen, sich durch das belastende Gedankengut nicht mehr
niederdrücken zu lassen, aus ihren goldenen Käfigen herauszukommen, nach
Jeschuas einzigem Gebot zu leben, sein einziges Ritual miteinander zu feiern,
auch ohne dass eine privilegierte Person anwesend ist, und ihr Leben und ihre
Feiern in
vielfältiger Weise zu gestalten. Das wird bitter notwendig sein, wenn wir
bedenken, dass immer größere Teile der Erde radioaktiv verstrahlt oder sonstwie
zerstört werden. Dazu braucht man sich nicht untertauchen zu lassen und man muss
keiner bestimmten Religion angehören.
In der Nachfolge Jeschuas drücke ich seit längerer
Zeit diese Überzeugung so aus: Meine Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein
Gotteshaus ist die Erde.
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Shiva
Natarāja -
14. Oktober 2011
Als der
Govinda Express in Wien gastierte, stand eine Statue des Shiva Natarāja in
der Mitte vor der Band. Als in einem Lied "Natarāja Jai Shiva" gesungen wurde,
erklärte Sundaram, der den Abend moderierte, die Symbolik der Statue.
Der Shiva Natarāja ist eine alte Liebe von mir. Ich
habe die Statue zum ersten Mal bewusst gesehen, als ich im September 1982 an
einem Taiji-Seminar von Chungliang Al Huang im Buddhistischen Zentrum Scheibbs
teilnahm. Die Statue stand in der Mitte des Stiegenaufgangs und mich faszinierte
der Schwung ihres Rückens. Es waren warme, sonnige Tage und als wir im Freien
tanzten, sah ich auf einmal exakt denselben Schwung im Rücken von Chungliang. Es
ging durch mich hindurch. Der Schwung in der Statue, in Chungliang und in mir -
es war eins. Ich verstand: Das ist nicht Theorie, das ist Praxis und Leben.
Das Sanskritwort Natarāja bedeutet "der König des
Tanzes". Es ist Shiva als König der Tänzer und Herr der Weltbühne. "Sein
kosmischer Tanz stellt seine fünf Aktivitäten dar: Schöpfung, Erhaltung,
Zerstörung, Verkörperung und Befreiung." (Aus: Lexikon der östlichen
Weisheitslehren.)
Sein Tanz ist permanente Schöpfung von Neuem und
Zerstörung des Ermatteten. Er zerstört, um wieder zu erschaffen; das ist seine
Natur. Er hat vier Arme. Die kleine Trommel in seiner oberen rechten Hand
erzeugt den Klang, der die Schöpfung hervorruft. In der oberen linken Hand
brennt das Feuer, das die Zerstörung vornimmt. Die zweite rechte Hand macht die
Geste des Schutzes vor dem Bösen und der Unwissenheit. Die zweite linke Hand
zeigt auf den erhobenen Fuß und weist so auf das Aufrichten und die Befreiung
hin. Der linke Fuß tanzt auf dem Dämon Mujalaka, was Shivas Sieg über die
Unwissenheit darstellt. Der rechte Fuß ist hochgehoben, was den überbewussten
Zustand bedeutet. Der Flammenkreis, in dem Shiva tanzt, repräsentiert den
manifestierten Kosmos und auch den Kreis der Wiedergeburten, bis die Erlösung
erreicht wird. Die Schlange, die um seine Taille wirbelt, ist die
Kundalinī-Shakti, die Schlangenkraft oder kosmische Energie, die in allem wohnt.
(Nach der englischen Wikipedia und dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren.)
Man braucht diese tiefe Weltsicht nicht gegen die
christliche auszuspielen. Eine Bemerkung über die Lehre von der Wiedergeburt ist
trotzdem angebracht. Seit frühen christlichen Zeiten gibt es Menschen, die das
christliche Dogma einer ewigen Verdammnis ablehnen. Auch ich lehne es ab. Aber
für mich ist jedes Wesen im Kosmos, ob es sich um ein menschliches oder ein
anderes Wesen handelt, etwas Einmaliges, Kostbares, Unverwechselbares,
Unverlierbares. Jeder Mensch muss das, was er auf der Erde erlebt hat, nach
seinem Tod aufarbeiten. Das bedeutet für mich nicht, dass er durch die Tretmühle
der Wiedergeburten gejagt wird. Meinen Blickwinkel dazu habe ich in meinen
Büchern "Jesus ohne Dogmen - Die christlichen Wahrheiten neu formuliert" und
"Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen" formuliert.
Das letztere Buch ist noch nicht erschienen, es gibt aber schon einen
Verlagsvertrag dafür.
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Om shānti
shānti
shānti
om -
9. Oktober 2011
Gestern hat der
Govinda Express ein Konzert in Wien
gegeben, und Gerhild und ich waren dabei. Wir wussten davon, weil Veetkam, der
Perkussionist, ein alter Freund von mir ist. Auf der Website der Band lese ich:
"Die Idee, Musik zu schaffen, die unsere Liebe für
den Osten mit unserer musikalischen Tradition des Westens verbindet, ist der
Grundgedanke für unseren ‘Govinda Express’."
"Der Zug reist durch verschiedenste musikalische
Stilrichtungen und Landschaften mit dem klaren Ziel, dein Herz zu erreichen."
Nach dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren ist
Govinda ein Name für Vishnu, von dem Krishna eine Inkarnation ist. Es ist auch
eine häufig für Krishna gebrauchte Anrede.
"Om shānti shānti shānti om" gehört zu den
Friedensmantras, zu den Gebeten um Frieden aus den Veden. Nach dem Lexikon der
östlichen Weisheitslehren ist Om eine Manifestation der spirituellen Kraft, ein
Symbol, das die Gegenwart des Absoluten bezeichnet. Shānti ist "der innere
Friede, den man durch die spirituelle Erkenntnis erlangt, dass man nicht der
sterbliche Körper ist, sondern unvergängliches Bewusstsein".
Auf der Website einer Musikschule habe ich noch die
folgende Erklärung gefunden: Man singt "Om shānti om" für den Frieden mit sich
selbst und mit allem, was ist.
Das Lesen von Erklärungen macht das Erklärte nicht
lebendig. Lebendigkeit und einvernehmliche Stille stellen sich ein beim Rezitieren von Mantras oder Singen
von Bhajans. Jedes "shānti" steigert die Stille. Gestern haben wir zusammen mit
dem Govinda Express "Om shānti om" gesungen, wieder und wieder. Die innere
Stille, die dabei entstanden ist, ist in mir bis heute da. Es ist die Stille,
die weiß, dass wir geborgen sind, vom tiefsten Grund her, was auch immer
geschieht. Es ist die Stille, die unsere fruchtbaren Handlungen trägt.
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Innere
Leere -
27. September 2011
Bei einem Informationsservice zu Depressionen wird
die depressive Stimmung als ein Hauptsymptom beschrieben: "Die depressive
Stimmung läßt sich am besten mit den Worten 'innere Leere' umschreiben."
Und in einem Internetforum, das sich mit Gedanken
zum Leben beschäftigt: "Meistens krieg ich diese innere Leere, wenn ich grade
Urlaub hab und der ganze Stress weg ist."
Und in einer Seminarfacharbeit an einem Gymnasium:
"Ein Symptom für die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist das chronische Gefühl
von innerer Leere und Langeweile."
Man muss aber die innere Leere nicht so negativ
sehen. Wenn man sie annehmen kann, ist sie ein großes Geschenk, da sie einem
unnötige und quälerische Aktivitäten erspart. Sie ist eine sanfte Lehrmeisterin,
und in ihr entspringt die authentische Fülle.
In diesem Zusammenhang spricht der Buddhismus von
Shūnyatā. Alles, was ist, kommt aus der Leere und weicht der Leere - welche
Befreiung! Der Kernsatz des Herz-Sūtra wird im Lexikon der östlichen
Weisheitslehren so formuliert: "Form ist nichts als Leere, Leere ist nichts als
Form". Und das Herz-Sūtra endet mit den Worten: "Gate gate Pāragate Pārasamgate
Bodhi svāhā." (Gegangen, gegangen, hinübergegangen, ganz hinübergegangen, o
welch ein Erwachen!)
Das ist nicht einfach die Erfahrung des historischen
Buddha. Das ist eine Erfahrung im Jetzt und Hier, für dich und mich.
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Zwischen Gehässigkeit und Freundlichkeit
-
26. September 2011
Heutzutage ist zwischen Gehässigkeit und
Freundlichkeit nur eine Haaresbreite. Heutzutage ist es daher notwendig, äußerst
aufmerksam zu sein. Die Menschheit und die Erde sind auf der Kippe. Das bezieht
sich auf die Auseinandersetzungen mit autoritären Systemen in Wirtschaft,
Politik und Religion. Das bezieht sich genauso gut auf die alltäglichen
Beziehungen und auf die Vorgänge im Inneren der Menschen. Gift und Balsam sind
nahe beieinander. Das ist nicht dualistisch gemeint, nicht so, als ob es das
Böse und das Gute in Reinkultur gäbe.
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Das
ist ein Zitat aus der Patmos-Hymne von Friedrich Hölderlin. Es lässt sich auch
umkehren: "Wo das Rettende wächst, dort lauert auch Gefahr". Diese Umkehrung
betrifft sehr die heutige Zeit. Wir leben auf des Messers Schneide.
Viele Jahre lang wurde das besonders sichtbar in der
Beziehung von Gerhild, meiner Frau, und mir. Vom Beginn weg waren das Rettende
und die Gefahr im Keim gegeben, und stets wurde die Gefahr mehr beachtet als das
Rettende, bis vor nunmehr fast acht Jahren die Wende kam, als wir nach Jahren
der Trennung wieder zueinander fanden mit der Entschlossenheit, nun das Rettende
zu sehen und Wirklichkeit werden zu lassen.
Achtsamkeit in jedem Augenblick ist angesagt bzw.
die stets erforderliche Rückkehr zur Achtsamkeit. Die Zeit ist auf der Kippe in
Bezug auf den Bewusstseinswechsel einzelner Menschen bzw. der Menschheit als
Kollektiv. Jeder Mensch trägt Verantwortung für sich selbst und für das
Kollektiv. Diese Verantwortung soll nicht aus Angst vor ewiger Verdammnis
wahrgenommen werden, denn ewige Verdammnis ist keine Realität, sondern eine
Ausgeburt rachsüchtiger Menschengehirne. Sie soll wahrgenommen werden aus
brennender Sehnsucht nach der Fülle der individuellen und kollektiven
Möglichkeiten, aus brennender Liebe, die alle diese Möglichkeiten verwirklicht
sehen will, für alle Menschen.
In diesen Tagen ist die Kippsituation immer gegeben,
je sensibler oder sogar sensitiver jemand ist, umso mehr. Wenn jemand sehr offen
ist, kann sich das Äußere in seinem Inneren abbilden. Das beobachte ich bei mir.
Es ist durchaus nicht immer erfreulich. Wenn ich nun das Bild des Äußeren, das
in mir entstanden ist, verwandle: Was bedeutet das für das Äußere? Ich meine
jetzt nicht einfach, dass ich meine Sicht auf das Äußere korrigiere, sondern ich
ahne und erprobe eine fundamentale Möglichkeit: Wenn ich das Äußere in mir
verwandle, verwandelt sich dann das Äußere unabhängig von mir? Wenn es so ist,
dann ist eine strikte Trennung von Innerem und Äußerem gar nicht möglich.
Wenn etwas auf mich einwirkt, das ich als lieblos
empfinde, und ich kann es verwandeln und etwas Liebevolles, Stärkendes in die
Welt hinein senden, ist das dann nicht ein Metabolismus bzw. sogar ein
alchemischer Metabolismus? Ich meine, wenn es in Leichtigkeit und ohne Krampf
geschieht. Das Senden geht einfach in die Welt hinein, nicht gezielt in die
Richtung, aus der das als lieblos Empfundene gekommen ist. Es wird sich
auswirken, entweder dort, wo es ausgelöst wurde, oder sonst wo. Und dann wird
Energie frei. Einem selbst und anderen kann das erhebliche zusätzliche Energie
liefern. Welche Art von Energie ist das? Es ist eine Energie, die physikalisch,
chemisch, biologisch und sogar psychologisch wirken kann, eine unspezifische
Energie, die sich individuell und kollektiv auswirkt und sogar über den
menschlichen Bereich hinaus.
Wir dürfen nicht die Hybris entwickeln, die glaubt,
mit solcher Energie mutwillige Zerstörungen rückgängig machen zu können. Was ich
in diesem Gedankensplitter darüber geschrieben habe, wurde jedenfalls durch eigene
Erlebnisse ausgelöst, und weitere Erlebnisse und Experimente werden nötig sein.
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Einsatz für die innerkirchlich Unterdrückten
-
26. September 2011
Jesus hat die Freiheit für alle Menschen verkündet
und ganz besonders für die Armen und Gedemütigten, als er in der Synagoge von
Nazaret die Schrift auslegte (Lk 4,16-21). Es
ist unsere Aufgabe, die in der heutigen Zeit von brennender Dringlichkeit ist,
den Menschen die Freiheit zu bringen bzw. dafür einzustehen, dass sie ihnen
zugestanden wird.
Das heutige Wirtschaftssystem unterminiert die
Demokratie und führt dazu, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer
reicher werden. Viele Menschen sehen das, fühlen sich aber unfähig, etwas zu
verändern. "Dieses verbreitete Gefühl der Ohnmacht verrät, dass wir den
demokratischen Freiheitsgeist noch nicht verinnerlicht haben, sondern nach wie
vor in Herrschaftsstrukturen fühlen und leben. Wer an die eigene Ohnmacht
glaubt, macht sich zum wertvollsten Verbündeten der Mächtigen." (Aus: Christian
Felber, "Kooperation statt Konkurrenz - 10 Schritte aus der Krise", S.105.)
"Die ökonomischen Eliten haben das demokratische
System unterwandert und vereinnahmt, es entscheidet in ihrem Sinne und nicht im
Sinne der Bevölkerung." In dieser Situation ist direkte Demokratie dringend
erforderlich. Denn der Souverän ist das Volk. "Machen die Repräsentantinnen und
Repräsentanten des Souveräns nicht, was dieser will, dann muss er das Recht
haben, seine Vertretung in der konkreten Sachentscheidung zu korrigieren
(Volksinitiative) oder in der Funktion abzuwählen (Abwahlrecht)." (Ebd.,
S.116/117.)
Diese und viele andere Ausführungen von Christian Felber sind meiner
Meinung nach nahtlos auf das hierarchische System der römisch-katholischen
Kirche übertragbar. Sie können dort auf Strukturfragen, auf das Kirchenrecht und
auf den Katechismus angewendet werden. Theologische Fragen sind hier nicht
ausgenommen, denn der Geist Gottes beschränkt seine Wirkung nicht auf die, die
die Macht an sich gerissen haben.
Die gesamte christliche Theologie liegt im Argen.
Sogenannte Kirchenväter und Konzilien in nicht repräsentativer Zusammensetzung
haben Orthodoxie definiert, alternative Anschauungen wurden mit dem Anathema
(Bannfluch) belegt, verdrängt und vernichtet. Jede Menge von Gewalt wurde
angewandt. Gegnern wurde die Existenzmöglichkeit geraubt, oft wurden sie auch
umgebracht.
Die römisch-katholische Kirche definiert Hirtenamt,
Lehramt und Priesteramt mit dem ungebremsten Egoismus der Machthaber.
Gewaltentrennung (Gesetzgebung, Vollziehung
und Rechtsprechung nicht in einer Hand) ist weder an der Spitze der Kirche noch in den
Diözesen gegeben.
Hirtenamt: Der Papst darf
einfach nicht die volle und höchste Jurisdiktionsvollmacht über die gesamte
Kirche, über alle Bistümer, alle Bischöfe und alle anderen Kirchenmitglieder
besitzen. Alle kirchlichen Leitungsfunktionen - inklusive des CEO, der nicht
Papst genannt werden sollte - sind demokratisch für eine bestimmte Frist zu
wählen. Der Codex des kanonischen Rechts erfüllt nicht einmal Mindeststandards
einer demokratischen Rechtsprechung. Es gibt keine Öffentlichkeit des
Verfahrens, keine richterliche Unabhängigkeit, keine Akteneinsicht, keine
ausreichende Begründung von Entscheidungen, usw. Eigentlich darf es gar kein
eigenes Kirchenrecht geben, sondern nur ein Vereinsstatut.
Lehramt: Die Unfehlbarkeit des Papstes - allein oder
zusammen mit dem Bischofskollegium - ist ein Ausdruck von Vermessenheit. Kein
Mensch und kein Gremium ist unfehlbar. Die Kongregation für die Glaubenslehre
(ursprünglich als Inquisition gegründet) ist ersatzlos aufzulösen. Ihren Platz
hat ein kirchenübergreifender, demokratisch gewählter, Pluralität akzeptierender
Theologenkonvent einzunehmen. Ein solcher würde alle bisherigen
Ökumenebestrebungen ablösen und sie größtenteils überflüssig machen. Bei seinem
Bestehen wäre es nicht zur Exkommunikation Luthers, zur Gegenreformation, zur
gewaltsamen Rekatholisierung evangelischer Territorien und auch nicht zum
Dreißigjährigen Krieg in dieser Form gekommen.
Priesteramt: Die Einteilung der Menschen in
Bischöfe, Priester, Diakone, Laien und Unterlaien (das sind die laiisierten
Priester, die weniger Rechte als die Laien haben) sowie der Ausschluss von
Frauen und verheirateten Männern von gewissen Ämtern widerspricht den
Menschenrechten. Insbesondere ist es absurd, die Rechtmäßigkeit einer
Eucharistiefeier an den Bischof und ihre Durchführung an den Priester zu binden.
Jesus selbst war kein Priester. Er hatte keine reguläre biblische Ausbildung
abgeschlossen. Er war von niemandem ordiniert.
Diejenigen, die wie ich trotz allem aus der
römisch-katholischen Kirche nicht austreten, sind verantwortlich für die Sorge
um die Menschenrechte der innerkirchlich Unterdrückten. Daher haben wir vor
einigen Jahren innerhalb der Bewegung
"Wir sind Kirche" die Initiativgruppe "Kirche und Menschenrechte" (IKUM)
gegründet. Diese Initiativgruppe hat dazu beigetragen, dass Veranstaltungen
organisiert wurden und ein Taschenbuch herausgegeben wurde (Siehe
IKUM). Es wäre jedoch genauso notwendig,
Einzelpersonen zu
unterstützen, die das Schicksal innerkirchlich Unterdrückter erleiden (Entzug
der Missio, usw.).
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Gott hat keine Mutter
-
25. September 2011
Immer wieder ist mir in den letzten Wochen der Satz
eingefallen: "Gott hat keine Mutter" (bzw. "God has no mother"). Wo finde ich
diesen Satz im Internet?
Als Aussage einer evangelischen Großmutter.
Als Aussage eines Bibelkreises der Schweizer reformierten Kirchen.
Als Aussage eines Geistlichen von Keikyo, der syrischen Christen in Japan.
Als Aussage einer Frau, die zum Islam übergetreten ist.
Als Lehraussage in einem islamischen Katechismus.
Als Aussage der Organisation Ved Mandir, die sich auf die Veden bezieht.
In einer Lehraussage des Sikhismus, die auf dessen Gründer Nanak Dev zurückgeht.
Usw.
Als jüdische Aussage kommt der Satz nicht vor.
Auf www.whatjewsbelieve.org finde
ich jedoch den Satz: "Gott hat keinen Vater".
Osho hat in einem Vortrag gesagt: "Gott hat keinen
Vater, keine Mutter."
Der Satz "Gott hat keine Mutter" ist
selbstverständlich und er wird allgemein anerkannt, auch von der
römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen. Doch nach katholischer
und orthodoxer Lehre wird Maria von Nazaret trotzdem als die Gottesgebärerin
bzw. Mutter Gottes bezeichnet. Sie sagen, dass es sich dabei nicht um eine
Aussage über Maria, sondern um eine Aussage über Jesus handelt, der durch diese
Bezeichnungen als Gott gesehen wird. Aber den metaphysischen Satz "Jesus ist
Gott" sage ich nicht. Über Jesus sage ich: Jesus wohnt im
innersten Herzen Gottes. Der auferstandene
Jesus hat die ganze Erde oder sogar den ganzen Kosmos als seinen Leib und sein
Blut angenommen, mit allem Leid und mit dem Weg in die Vollendung. Er hat uns
den Weg gebahnt, um selbst in die Vollendung hineinzuwachsen, die er erreicht
hat, in unserem Leben, das mit dem Tod nicht endet.
(Siehe:
Was hat Jesus mit Gott zu tun? bzw.
Das Christentum
als Ersatzreligion.)
In meinem Buch "Jesus für alle"
habe ich im Kapitel "Maria heute" geschrieben:
Ich
bin immer mehr dazu gekommen, mich dogmenfrei auszudrücken. Trotzdem
verwende auch ich die Bezeichnungen Gottesgebärerin und Mutter Gottes für
Maria, aber nicht in dem Sinn, dass Maria die zweite Person der Trinität
geboren hätte. Für mich enthält der Prolog des Johannesevangeliums eine
tiefe Wahrheit: Das Sprechen Gottes, durch das alles, was ist und wird,
entsteht, ist auf die Welt gekommen und in der Person Jesu Mensch geworden.
Jesus hat sich als das erkannt und erlebt und hat es in eine
Lebensgeschichte mit ungewisser Herkunft integriert, in eine
Lebensgeschichte, die ihm in seinem erwachsenen Leben abwechselnd
Bewunderung und Verachtung gebracht hat.
Dabei bleibe ich.
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Wer oder was ist mein Grund?
-
23. September 2011
In den Avatar-Kursen nach Harry Palmer haben wir den
Satz immer wieder geübt, bis er verinnerlicht war: "Ich bin Ursprung" (englisch:
"I am source"). Längst bin ich darüber hinaus.
Ich bin zur Gänze auf den tiefsten Grund bezogen.
Der tiefste Grund ist der tiefste Grund. Es gibt Versuche, ihn auszudrücken. Im
Daoismus spricht man vom Dao. Im Buddhismus spricht man vom Nirvāna. In den
sogenannten monotheistischen Religionen spricht man von Gott. Alle damit
verbundenen Versuche sind nur Annäherungen. Es kommt darauf an, sich ihm total
zu überlassen.
Welche Aussagen kann ich mit dem tiefsten Grund in
Beziehung bringen?
Urgrund. Ursprung. Urziel.
Liebe. Urliebe. Urkraft.
Die Quelle, aus der wir leben, existieren; die uns immer neue Horizonte schenkt.
Keine Person. Auch ich bin keine Person.
Nicht einer, also nicht durch Zahlen eingeschränkt.
Nicht Herr, denn das wäre Projektion von Feudalherrschaft.
Nicht allmächtig, nicht allwissend, denn das wäre Projektion von übersteigerten
Eigenschaften.
Keine Trinität.
Wenn als ein Vater, dann auch als eine Mutter gesehen.
Nicht Materie. Nicht Geist. Drückt sich in allem aus, ohne es zu sein.
Kann nicht benannt, nicht bezeichnet werden.
Wir können uns ihm vollständig anvertrauen.
Wenn man sich ihm vollständig hingibt, so ist das zugleich eine vollständige
Hingabe an die Menschheit und den Kosmos. Nicht global, sondern immer im Detail.
In jedem Augenblick und darüber hinaus.
In meinem Buch "Hände weg, doch pack an" habe ich
bei der Bearbeitung des 35. Kapitels des Daodejing geschrieben:
Das Namenlose,
es ist nicht verborgen und es ist nicht offenbar.
Es ist nicht Ursprung, Weg und Ziel.
Es lässt sich so nennen,
doch es lacht über alle Namen.
Es ist großzügig und hört niemals auf,
dich zu beschenken.
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Die kleine Insel Susak
-
23. September 2011
Auf der kleinen Insel Susak in Kroatien haben
Gerhild und ich in der ersten Septemberhälfte 2011 zwei erquickende Wochen
verbracht. Die Insel ist ein Naturphänomen. Auf Kreidekalkfelsen, die aus dem
Meer ragen, wurden hohe Schichten von Tonsandstein abgelagert. Die beiden
Badebuchten verfügen über Sandstrände, und der Sand reicht hier weit ins Meer
hinein. Das Meer ist total sauber. "Die Luft, die man einatmet, hat im Meer, das
die Insel umgibt, gebadet, sodass man mit ihr zusammen mehr als sechzig Elemente
einatmet, von denen der Organismus alle diejenigen absorbiert, die ihm gefehlt
haben." (Aus: Website von Haus "Stephania" auf Susak.)
Auf der Insel ist jeder Neubau streng verboten. Es
sind jedoch genug alte Häuser zum Verkauf ausgeschrieben. Es gibt hier keine
Hotels, keine Diskos und Tanzterrassen und keine Fabriken. Gäste wohnen in
Fremdenzimmern oder Apartments, was in userem Fall ein eigenes kleines Haus
bedeutete. Es gibt keine Autos und keine Straßen, mit Ausnahme einer schmalen
Sandstraße, die in weitem Bogen vom unteren in den oberen Ort führt. Menschen
gehen auf Treppenwegen von unten nach oben. Güter werden mit Scheibtruhen
befördert oder mit kleinen Dieselkarren, die wie Motorräder gelenkt werden und
nicht mehr als zwanzig Stundenkilometer fahren. Die Insel verfügt jedoch über
keine Tankstelle. Das Landesinnere ist grün: Schilf, Bambus, Brombeersträucher,
Weingärten, Kirschbäume, Akazien.
Als wir, von Mali Lošinj kommend, mit dem Schiff auf
Susak ankamen, war der Unterschied für mich überwältigend. Dort ein Touristenort
mit penetranter Betriebsamkeit, hier ein Ort der heilsamen Ruhe.
Als ich im März 2003 in einer kleinen Schweizer
Reisegruppe mit Beduinen und Kamelen in der tunesischen Wüste unterwegs war,
schrieb ich das folgende kleine Gedicht:
ein buch lesen?
unmöglich
wo doch die wüste
spricht und spricht
mit majestätischer
deutlichkeit
Ich gebe
zu, dass ich auf Susak immer wieder eine Zeitschrift oder ein Buch gelesen habe.
Dennoch war hier das Wüstenerlebnis wieder da, die unmittelbare, stille,
nährende und heilende Präsenz der Erde und des Kosmos.
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Dahinter der Mond -
18. August 2011
Als Gerhild und ich mit den Hunden heute Abend im
Wald umkehrten, schimmerte das letzte Tageslicht durch die Bäume. Als wir uns
dem Laternenweg näherten, einem Waldweg, der vom Bahnhof zu unserer Siedlung
führt, begannen die Laternen zu leuchten. Unwillkürlich deckte ich mit einer
Hand die Laterne in meinem Blickfeld ab, damit sie mir die Atmosphäre des
endenden Tages nicht zerstören konnte. Dort das statische, plakative, liebliche
Licht der Laterne, hier die dynamische, lebendige, sprechende Stille des letzten
Tageslichtes hinter den schwarzen Silhouetten der Bäume.
Die Erfindungen des Menschen können mit der
Ausstrahlung der Natur nicht konkurrieren. Ein besonderes Erlebnis dieser Art
hatte ich an einem 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, als ich in Bern an
der Aare stand, dem Fluss, der die Altstadt umrundet. Es gab Böllerschüsse,
unzählige Lichtschiffchen schwammen den Fluss hinunter und ein Feuerwerk
breitete sich am Himmel aus. Doch dahinter erhob sich unverwechselbar und
unstörbar der fast volle Mond. Er war für mich der eigentliche Träger des Lebens
an diesem Abend. Auf alles andere konnte ich verzichten. Und ich schrieb das
folgende Gedicht:
lichtschiffchen
auf dem fluss
darüber
der mond
böllerschüsse
feuerwerk
dahinter
der mond
lichtschiffchen
böllerschüsse
feuerwerk
darüber
dahinter
der mond
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Das, was uns bleibt -
8. August 2011
Der Sommer ist in diesem Jahr regenreich, aber in
der letzten Zeit gab es doch ein paar sommerlich warme, sonnige Tage. Als
Gerhild und ich mit den Hunden an einem solchen Tag durch den Wald gingen, nahm
ich etwas Neues wahr. Ich versuche nun aufzuschreiben, was es ist.
Schon vor vielen Jahren begann ich, in der Natur das
Besondere des Frühjahrs zu spüren. Ich sah nicht nur das Sprießen, Grünen und
Blühen, sondern ich spürte auch die Kraft, die da im Inneren wirkt. Jahre
später, als ich in einer kleinen Reisegruppe zusammen mit Beduinen und Kamelen
zehn Tage lang in der tunesischen Wüste unterwegs war, begann ich, das Besondere
der Tageszeiten zu spüren, des Sonnenaufgangs, des Sonnenuntergangs, des Tages
und der Nacht.
Und nun, wo der Spätsommer eingesetzt hat, spüre ich
nicht nur die Kraft, die ihr Werk getan hat und sich schon zurückzieht. Zum
ersten Mal spüre ich darüber hinaus, dass da etwas ist, unabhängig von der Zeit
und von unserer Vorstellung von Ewigkeit, etwas, das in allen Jahreszeiten mit
da ist. So gesehen ist alles mit da, alles zugleich. Das heißt auch, dass ich
unendlich bin, und dass du unendlich bist.
Wenn ich das nicht hätte, wenn du das nicht hättest,
bliebe uns nur das Werden und Vergehen.
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Ist die heilige Schrift eine heilige Kuh?
-
3. August 2011
Zunächst einmal muss ich angeben, was ich in diesem
Beitrag unter "heiliger Schrift" und "heiliger Kuh" verstehen will. In den
religiösen Überlieferungen Indiens gilt die Kuh als physische und spirituelle
Ernährerin und darf nicht geschlachtet werden. Im übertragenen Sinn ist mit
"heiliger Kuh" eine Regelung gemeint, die nicht hinterfragt und nicht geändert
werden darf. Ich beziehe mich auf den übertragenen Sinn.
Unter heiligen Schriften versteht man nach der
Brockhaus-Enzyklopädie Sammlungen religiöser Texte, die von einer
Religionsgemeinschaft anerkannt (kanonisiert) sind. Unter heiliger Schrift im
engeren Sinn versteht man im Judentum Tanach und Talmud, im Christentum die
Bibel und im Islam den Qur'an. Bei diesen Religionen wird nach Wikipedia
zwischen Texten, die als Gottes Selbstmitteilung gelten oder diese enthalten,
und ihrer menschlichen Auslegung unterschieden. Ich beziehe mich sowohl auf den
weiteren als auch auf den engeren Sinn.
Für mich ist die menschliche Einwirkung auf die
heiligen Schriften von Judentum und Christentum (den Islam habe ich nicht
untersucht) stark und nicht zu übersehen. Diese Einwirkung erfolgt einerseits
bei der Kanonisierung. Die Kanonisierung bedeutet meiner Meinung nach nicht die
Trennung des rechten Glaubens von den Irrlehren und auch nicht die Trennung des
Bedeutenden vom Unbedeutenden, sondern die Trennung des Genehmen vom nicht
Genehmen, die Durchsetzung der Ansichten der kirchenpolitisch und politisch
mächtigsten Persönlichkeiten und Gruppen, die Einschränkung des freien Spiels
der Kräfte, die alle zum Gesamtbild der Religionen beitragen wollen. Durch das
Ausscheiden von Schriften, die als unerwünscht oder unbedeutend eingestuft
wurden, sind in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung viele Texte
verloren gegangen, die für uns von Interesse sein könnten.
Andererseits erfolgt die menschliche Einwirkung beim
Verfassen der heiligen Schriften. Die heiligen Schriften sind nicht wörtlich von
Gott eingegeben oder diktiert ("Wort des lebendigen Gottes"). Es ist auch nicht
so, dass die volle göttliche Inspiration von Menschen umgesetzt werden konnte
("Wort Gottes in menschlicher Sprache"). Meiner Meinung nach ist es vielmehr so,
dass Menschen mit mehr oder weniger Hingabe an Gott beim Formulieren der
heiligen Schriften ihre eigenen Theologien entwickeln. Im zweiten Bundesbuch
betrifft das z.B. nicht nur die Briefe, sondern auch die Evangelien. Jedes der
vier kanonischen Evangelien hat seinen eigenen Blick auf Jesus, sein eigenes
Verständnis, wer er war, was er wollte und was er nach seinem Tod und seiner
Auferstehung für uns ist.
Weder die heilige Schrift noch die Beschlüsse der
sogenannten ökumenischen Konzilien der alten Kirche sind für mich eine heilige
Kuh. Ich habe in meinen Büchern Schrifttexte teilweise radikal bearbeitet und
eine eigenständige Theologie unabhängig von den alten Beschlüssen entwickelt.
Als Beispiel für einen geänderten Text, der zugleich
einer geänderten Theologie entspricht und für mich wahrer als das Original ist,
bringe ich nun Mt 22,14.
In der Fassung der Menge-Bibel: "Viele sind berufen,
aber wenige auserwählt."
In meiner Fassung im Buch "Botschaft ohne Grenzen":
"Alle sind berufen, und wer berufen ist, ist auch auserwählt."
Kein Mensch darf verloren gehen. Dabei mitzuhelfen,
dazu bin ich da, als ein beginnender christlicher Bodhisattva, als ein
beginnender Miterlöser in der Nachfolge Jesu, als einer von vielen, die das
restlose aufeinander Angewiesensein aller Menschen und aller Wesen verstanden
haben und leben und ausleben wollen.
Siehe auch: Meine Gedankensplitter
Was ist heilige Schrift?,
Heilige Schriften und anderes Heilige.
Feedback von Rudolf Kreindl:
Einige Fragen, die mir gekommen sind:
Ist die "heilige Schrift" heilig?
Ist der "heilige Stuhl" heilig?
Wer ist der "heilige Vater"?
Da viele (auch gläubige) Menschen sich mit dem Begriff "heilig" schwer tun oder
nichts mehr anfangen können, sollte die Kirche eine Sprache finden, die auch von
Menschen unsrer Zeit verstanden wird.
Viele Sätze der Bibel sehen wir heute in neuem
Licht. Sie ist kein fertig vollendetes Buch - das Zusammenwirken von Gott und
Mensch findet täglich eine neue Fortsetzung.
Bemerkung vom 15. Dezember 2011:
Wir alle kennen den Unterschied zwischen "heilig"
und "scheinheilig".
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Habsburg und die Gegenreformation
-
22. Juli 2011
Otto Habsburg-Lothringen, Sohn des letzten
österreichischen Kaisers und ungarischen Königs, wurde vor wenigen Tagen in Wien
in der Kapuzinergruft zur letzten Ruhe gebettet - ohne sein Herz, denn das Herz
wurde in Ungarn bestattet. Der Kommentar eines Lesers des Internet-Standard zu
diesem Ereignis erinnert an die Durchsetzung der Gegenreformation durch die
Habsburger.
Wie war das also mit der Durchsetzung der
Gegenreformation? Das reformatorische Gedankengut breitete sich in den
habsburgischen Ländern rasch aus. Um 1520 trat ein großer Teil des Adels zur
lutherischen Reformation über. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde der
Grundsatz "Cuius regio, eius religio" festgelegt. Somit hatten die
Territorialherren, und nicht mehr der Kaiser, das Recht, die Religion für sich
und ihre Untertanen zu wählen. Die geistlichen Territorialherren wurden
allerdings ausgenommen. Sie mussten katholisch bleiben oder ihre Herrschaft
aufgeben. Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war die Blütezeit der
Reformation in den habsburgischen Ländern. Nach Schätzungen
waren rund 70% der Bevölkerung evangelisch, in Böhmen sogar 90%.
Die wichtigste Kraft der Gegenreformation war der
1534 gegründete Jesuitenorden. Entscheidende Grundlagen für die Gegenreformation
wurden im Konzil von Trient (1545 - 1563 mit Unterbrechungen) geschaffen. Kaiser
Ferdinand II. aus dem Haus Habsburg (ab 1595 Landesherr von Innerösterreich, ab
1619 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) trat entschlossen für Absolutismus
und Gegenreformation ein. Von ihm ist der Ausspruch überliefert: "lch werde
lieber über die Wüste herrschen, lieber Wasser und Brot genießen, mit Weib und
Kind betteln gehen, meinen Leib in Stücke hauen lassen, als die Ketzer dulden."
Entscheidend für das Schicksal auch des österreichischen Protestantismus war die
Schlacht am Weißen Berg bei Prag (1620), durch die die protestantischen Stände
das Privileg der Religionskonzession verloren.
"Die systematische Gegenreformation in den
österreichischen Habsburgerländern setzte ein. Evangelische Prediger und Lehrer
wurden des Landes verwiesen, evangelische Kirchen zerstört, Bücher und Schriften
verbrannt. Bürger und Bauern wurden vor die Alternative gestellt, auszuwandern
oder katholisch zu werden ... Tausende wanderten aus, viele wurden wieder
katholisch, manche gingen einen dritten Weg: Sie wurden nach außen hin
katholisch, blieben aber im lnneren evangelisch. Vor allem in schwer
zugänglichen gebirgigen Tälern des heutigen Kärnten und Oberösterreich konnten
sich so Geheimprotestanten mit raffinierten Verstecken der Bibel und
Predigtbücher über die Jahrzehnte retten." (Aus: Website der evangelischen
Kirche Österreichs.)
Diese Situation änderte sich erst, als Kaiser Josef
II. im Jahr 1781 das Toleranzpatent erließ, das evangelisches Leben unter
bestimmten Voraussetzungen auch öffentlich duldete.
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Die nichtchristlichen Wurzeln Europas
-
15. Juli 2011
In letzter Zeit wird auffällig oft von den
christlichen Wurzeln Europas gesprochen, wobei die Angst vor dem Islam eine
Rolle spielt. Daher werfe ich jetzt einen kurzen Blick auf die nichtchristlichen
Wurzeln Europas, anhand der Namen der Wochentage im Deutschen, Englischen,
Französischen und Italienischen. Ich greife dabei auf die Brockhaus-Enzyklopädie
und die Wikipedia zurück.
Montag (deutsch) - Monday (englisch) - Lundi
(französisch) - Lunedì (italienisch): Tag des Mondes, Lehnübersetzung von
lateinisch dies lunae (Tag der Mondgöttin Luna) bzw. griechisch hēméra selēnes
(Tag der Mondgöttin Selene).
Dienstag (deutsch) - Tuesday (englisch) - Mardi
(französisch) - Martedì (italienisch): Das deutsche Wort wird abgeleitet von
Mars Thingsus (Kriegsgott Mars als Thingbeschützer). Das englische Wort ist eine
Lehnübersetzung von lateinisch dies martis (Tag des Kriegsgottes Mars).
Mittwoch (deutsch) - Wednesday (englisch) - Mercredi
(französisch) - Mercoledì (italienisch): Das englische Wort bedeutet Tag des
Wodan. Der Gott Wodan wurde von den Germanen mit dem Gott Mercurius (Merkur)
gleichgesetzt. Das französische und das italienische Wort bedeuten Tag des
Merkur.
Donnerstag (deutsch) - Thursday (englisch) - Jeudi
(französisch) - Giovedì (italienisch): Im Deutschen und Englischen ist der Tag
nach dem Donnergott Donar oder Thor benannt. In der Antike war es der dies iovis
(Tag des Jupiter), was in der französischen und in der italienischen Bezeichnung
erhalten geblieben ist.
Freitag (deutsch) - Friday (englisch) - Vendredi
(französisch) - Venerdì (italienisch): Im Deutschen und Englischen ist der Tag
nach der Liebesgöttin Frija benannt. In der Antike war es der dies veneris (Tag
der Liebesgöttin Venus), was in der französischen und in der italienischen
Bezeichnung erhalten geblieben ist.
Samstag (deutsch) - Saturday (englisch) - Samedi
(französisch) - Sabato (italienisch): Das deutsche, das französische und das
italienische Wort kommen von griechisch sabbaton, das auf eine Gleichsetzung mit
dem Tag des Saturn zurückgeht. Das englische Wort kommt von lateinisch dies
saturni (Tag des Saturn).
Sonntag (deutsch) - Sunday (englisch) - Dimanche
(französisch) - Domenica (italienisch): Das deutsche und das englische Wort
kommen von lateinisch dies solis (Tag des Sol Invictus, des unbesiegbaren
Sonnengottes). Das französiche und das italienische Wort sind christliche
Bezeichnungen. Sie bedeuten Tag des Herrn.
Fast durchgehend sind in diesen Namensgebungen die
griechische, die römische und die germanische Götterwelt erhalten. Die Römer
haben weitgehend ihre Götter mit den griechischen identifiziert. Die Germanen
haben teilweise ihre Götter mit den römischen gleichgesetzt. Das christliche
Gedankengut wurde teilweise darauf aufgesetzt und hat das Ältere teilweise
verdrängt. Doch das Ältere lebt weiter und muss voll rezipiert und gewürdigt
werden - ohne den Wert dessen, was Jesus in die Welt gebracht hat, aus den Augen
zu verlieren.
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Kongeniale Paare -
2. Juli 2011
Seit ich zu meiner Weihe an das Herz der Maria von
Nazaret die Weihe an das Herz der Maria von Magdala hinzugefügt habe und diese
Weihe täglich erneuere, beobachte ich in mir eine Akzentverschiebung. Ich erlebe
die Gefährtin Jesu in größerer Nähe als die Mutter. Wieso ist es dazu gekommen
und wie hat das alles begonnen?
Es hat damit begonnen, dass ich den Roman
"Moondancer - Flucht in die Hoffnung" von Astrid Gavini gelesen habe. In diesem
Buch kommen zwei Menschen einander langsam näher, bis sie schließlich eins
werden. Er ist ein heiliger Mann der Oglala-Lakota und ist dabei, in den
Menschen seines Volkes, die in der Pine Ridge Reservation dahinvegetieren, den
Lebensgeist neu zu aktivieren - bis der Hass und Hochmut weißer
Bevölkerungsteile und Polizeieinheiten eingreift. Sie ist eine sensible
Europäerin, die ein Medizinstudium abgebrochen hat und an der Grenze der
psychiatrischen Erlebniswelt lebt - sie hat Fähigkeiten, die von der
Gesellschaft dringend benötigt würden aber als krankhaft eingestuft werden. Er
und sie sind eine Einheit für die Erneuerung der Erde. Nach ihrer Flucht vor den
toddrohenden Verfolgungen können sie nur noch im Verborgenen wirken. Sein Name
ist Running Deer. Ihr Name ist Elisa. Für mich sind die beiden mehr als
Romanfiguren. Sie sind eine Realität. Sie sind wirklichen Menschen
nachempfunden, die Ähnliches erlebt haben und Ähnliches in die Welt bringen -
als kongeniales Paar, das zu einer Einheit geworden ist.
Gerhild, meine Frau, und ich sind zu einer solchen
Einheit geworden. Zwischendurch waren wir sieben Jahre lang getrennt. Kämpfe und
Reifung waren erforderlich und Entscheidung und Geschenke.
Zum Prototyp eines kongenialen Paares sind für mich
Jesus von Nazaret und Maria von Magdala geworden, nicht wegen der Legenden, die
über sie schon früh entstanden sind, und nicht wegen der Romane, die über sie
bis heute geschrieben werden. Sondern für mich ist es wie der letzte Stein eines
Puzzles - und ein klares Bild wird sichtbar. Mein Herz wendet sich ihm zu.
Daher ist es zu dieser Akzentverschiebung in mir
gekommen. Die Gefährtin ist für mich anders und intensiver mit Jesus verbunden
als die Mutter. Als mich Gerhild unlängst auf die Wichtigkeit der Mutter
aufmerksam machte, antwortete ich ihr, im Hinblick auf unsere Beziehung:
"Meine Mutter ist für mich Leben gebend. Du bist für mich Leben entscheidend."
Siehe auch: Mein Gedankensplitter
Aspekte der Weihe.
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Das Gesetz der inhärenten Transformation und seine
Grenzen -
2. Juli 2011
Im Schlusskapitel des Buches "Abgeschrieben, falsch
zitiert und missverstanden - Wie die Bibel wurde, was sie ist" von Bart D.
Ehrman entwickelt der Autor eine Idee, die ich jetzt verallgemeinernd das Gesetz
der inhärenten Transformation nennen möchte. Gemeint ist, dass jeder
menschlichen Kommunikation, die in Worten erfolgt, ob es sich nun um das Lesen
eines Textes oder um ein Gespräch handelt, eine Transformation inhärent ist.
Wenn ein Satz gehört oder gelesen wird, so bezieht sich der/die Lesende oder
Hörende auf seinen/ihren Erfahrungshorizont und Erlebniszusammenhang. Von diesem
Eigenen her wird das Gelesene oder Gehörte verstanden und es wird der Versuch
gemacht, es mit den eigenen Worten auszudrücken. Dabei wird es umformuliert,
verändert. Ja selbst, wenn die Worte nicht geändert werden, besteht doch die
Gefahr, dass bei einigen der Worte keine Übereinkunft über die Bedeutung und den
Sinn der Worte herrscht. Es erfolgt also eine Transformation von meiner
Erlebniswelt in deine Erlebniswelt und umgekehrt.
Wo hat dieses Gesetz seine Grenzen? Es hat sie vor
allem in der Fähigkeit zu multidimensionalem Schauen und Denken. Wenn ich die
Fähigkeit entwickle, andere Erlebniswelten als meine wirklich wahrzunehmen, und
diese anderen Erlebniswelten parallel zu meiner im Blick zu haben, während eine
Kommunikation erfolgt, so verliert das Gesetz seine Wirkmacht. Um zu dieser
Fähigkeit zu kommen, ist große Bereitschaft zu lernen erforderlich - und große
Liebe zu allen Menschen und zu allem, was existiert.
Dass möglichst viele Menschen in diesem Sinn
schauen, denken und handeln lernen, ist ein entscheidendes Kriterium für das
Gelingen der neuen Zeit, deren Heraufkommen dringend notwendig und in unsere
Hände gegeben ist.
Siehe auch: Mein Gedankensplitter
Verständnis und Kontext.
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Eine revolutionäre Kamera als Beispiel für
Multidimensionalität -
28. Juni 2011
Ein Unternehmen aus Silicon Valley plant, bis Ende
2011 eine sogenannte Lichtfeldkamera auf den Markt zu bringen. Bei dieser Kamera
kann der Schärfepunkt des Bildes per Software im Nachhinein beliebig verschoben
werden, neue Effekte können erzeugt werden, unscharfe Bilder können scharf
gemacht werden.
In der Zeitung Standard vom 22. Juni 2011 schreibt
Wilhelm Zsolt dazu: "Eine Kamera, die weitaus mehr Licht von vielen
verschiedenen Winkeln einfängt, als ein herkömmlicher Apparat. Dabei kommt ein
spezielles 'microlens array' zum Einsatz, das wie eine Fülle gebündelter Linsen
multiple Bildinformationen aufnehmen kann. Ein neuartiger Lichtfeldsensor
verarbeitet indes erstmalig komplette Lichtfelder - die Farben, die Intensität
und die Richtungsvektoren aller Lichtwellen im erfassten Bildausschnitt."
Herkömmliche Kameras können die Richtungsinformation nicht festhalten.
Das menschliche Auge verfügt zwar über keine
Mikrolinsenmatrix, aber über eine Linse mit flexibler Brennweite. Und im Gehirn
werden Sequenzen von Empfindungen zu Wahrnehmungsfeldern und Reihen von
Empfindungen und Wahrnehmungen zu Vorstellungsfeldern gemacht. In jedem
Augenblick stehen dem Menschen reiche und weite Felder dieser Arten zur
Verfügung. Je größer seine Angst ist, umso mehr werden diese Felder verengt und
in der Anzahl reduziert. Je angstfreier er ist, umso weiter wird sein Horizont,
umso größer ist die Anzahl der Blickwinkel, die ihm simultan zugänglich sind,
der eigenen Blickwinkel und der Blickwinkel anderer Menschen.
Dabei ist die Angstfreiheit nicht das einzige
Kriterium. Ein wenig Übung gehört schon auch dazu. Davon habe ich in meinem
Gedankensplitter
Liebe und Multidimensionalität etwas mitgeteilt.
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Orthodox, heterodox oder multidox?
-
17. Juni 2011
Gestern hatten meine Frau und ich folgendes
Gespräch:
Werner: "Ich habe jetzt das Buch 'Der Traum des
Königs Nebukadnezar' von Roger Lenaers zu lesen begonnen. Nach Lesen der
Einleitung sehe ich folgende Unterschiede zwischen ihm und mir:
Er möchte die alten Glaubensinhalte in einer neuen Sprache ausdrücken.
Ich stelle vieles an den alten Glaubensinhalten infrage.
Er sagt, die kirchliche Sprache hängt noch in den Formulierungen des
Mittelalters.
Ich sage, die kirchlichen Glaubensinhalte hängen noch in den Vorstellungen der
Antike.
Er sagt von sich, dass er orthodox ist.
Ich sage von mir, dass ich heterodox bin."
Gerhild: "Du bist nicht heterodox. Du bist
multidox."
Damit hat sie recht. Wenn man einmal mit dem
multidimensionalen Schauen und Denken begonnen hat, kann man nur noch multidox
sein.
Ergänzung vom 28. Juni 2011:
Zwei weitere Unterschiede zwischen Roger Lenaers und
mir sind die folgenden:
Er spricht vom Übergang zu einem neuen Axiom.
Ich spreche vom Übergang zu einer Zeit, wo es kein dominierendes Paradigma mehr
gibt. Das Heraufkommen des multidimensionalen Schauens und Denkens bedeutet das
Ende der Paradigmen.
Für ihn gibt es keine übersinnlichen Erfahrungen.
Für mich schon, z.B. diejenigen, die ich selbst gehabt habe.
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Kind oder Mann?
-
11. Juni 2011
In dem zu Tode zitierten Hohen Lied der Liebe (1 Kor
13,1-13) steht ein Satz des Paulus von Tarsus, den ich jetzt in verschiedenen
Übersetzungen anführe:
"Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind,
hatte einen Sinn wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; seit ich aber ein Mann
geworden bin, habe ich das kindische Wesen abgetan." (Menge-Bibel)
"Einst, als ich noch ein Kind war, da redete ich wie
ein Kind, ich fühlte und dachte wie ein Kind. Als ich dann aber erwachsen war,
habe ich die kindlichen Vorstellungen abgelegt." (Gute Nachricht Bibel)
"Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind,
dachte ich wie ein Kind, urteilte ich wie ein Kind. Als ich ein Mann geworden
war, legte ich das Kindhafte ab." (Schöningh´sche Bibel)
"Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind,
dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich
ab, was Kind an mir war." (Einheitsübersetzung)
In meiner Bearbeitung (im Buch "Botschaft ohne
Grenzen") habe ich einen Satz hinzugefügt:
"Als ich ein Kind war, da fühlte und dachte und redete ich wie ein Kind. Als ich
erwachsen wurde, legte ich das Kindische ab. Als ich älter wurde, achtete ich
darauf, das Kindliche zu bewahren."
Für "Kind" steht im Griechischen "nepios", für "das
Kindhafte" steht "ta tou nepiou". "Nepios" heißt wörtlich "der die Sprache noch
nicht beherrscht", also das ganz kleine Kind. Es heißt dann auch "unmündig",
"unerfahren", "unwissend" sowie "kindisch", "unreif". In dem oben zitierten Satz
sagt Paulus von sich selbst, dass er diesen Zustand abgelegt hat. In 1 Kor 3,1ff
sagt Paulus den Gemeindemitgliedern von Korinth, dass sie immer noch wie
unmündige Kinder sind.
Ein ganz kleines Kind ist nicht kindisch. Das erlebe
ich an meinem Enkel Levi, der vor ein paar Wochen drei Jahre alt geworden ist.
Wenn das Ursprüngliche, Echte eines solchen Kindes beim Erwachsenwerden verloren
geht, so muss es wiedergewonnen werden. Erst dann ist man zu vollem Leben
erwacht. Und dann gibt man keine solchen Sätze mehr von sich wie den Satz in 1
Kor 13,11.
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Die Zeit der Religionen ist vorbei
-
9. Juni 2011
Einer meiner Wahlsprüche ist: Selber schauen, selber
denken, selber leben.
Man muss selber schauen, wie sich etwas verhält. Man
muss selber denken, was daraus folgt, und es selber in Worte fassen. Und man
muss selber die Konsequenzen daraus ziehen, selber danach leben. Dazu ist
Selbstständigkeit erforderlich. Diese Regeln entsprechen dem, worauf sich die
Menschheit als Ganzes zubewegt.
Gerhild, meine Frau, sagte gestern Abend zu mir:
"Ich fühle mich eigentlich zu keiner Religion mehr vollkommen zugehörig. Ich
ziehe mir die Teile heraus, die ich akzeptieren kann."
Es gibt die Schlagworte vom religiösen Supermarkt
bzw. vom religiösen Selbstbedienungsladen.
"Hier hat sich ein institutionsunabhängiger
religiöser Supermarkt entwickelt, in dem Bausteine aus allen religiösen
Traditionen der Kultur- und Religionsgeschichte, der Naturvölker und der
esoterischen Wissensformen alter und neuerer Hochkulturen bereitliegen und von
den nach Sinn suchenden Individuen zu ganz individuellen Bündeln geschnürt
werden." (Aus: "Märkte und Monopole: Religiöse Sinnstiftung aus soziologischer
Sicht" von Ingo Mörth.)
"Die Einstellung ist weit verbreitet, dass jeder und
jede das für ihn oder sie Richtige aus dem Selbstbedienungsladen der Religionen
auswählen und damit 'selig' werden solle." (Aus: "Auf Leben und Tod oder völlig
egal. Kritisches und Nachdenkliches zur Bedeutung der Bibel" von Joachim Kügler
und Werner H. Ritter.)
Man muss diese Schlagworte nicht negativ sehen,
nicht als Ausdruck fehlender Verantwortung und fehlenden Überblicks, sondern sie
können auch Ausdruck hoher Verantwortung, von Verpflichtung und Hingabe sein,
wie eben bei Gerhild.
"Das heutige Christentum ist eine zersplitterte
Religion. Es setzt sich aus vielen unterschiedlichen Glaubensrichtungen und
Abspaltungen zusammen. So ist die moderne christliche Religion einem riesigen
Selbstbedienungsladen für den Glauben vergleichbar." (Aus: "Die Kirche Jesu
Christi: Wahrheit und Fälschung" von Roger Foster.)
In diesem Selbstbedienungsladen gibt es meiner
Meinung nach unvergängliche Schätze und sehr viel Zeitbedingtes, wobei das
Unvergängliche mit dem Zeitbedingten oft sehr verwoben ist. Um das
Unvergängliche spüren und sehen zu können, bedarf es einer Zuwendung mit dem
Herzen, in Lebendigkeit, mit Konsequenzen im täglichen Leben. Zum
Unvergänglichen gehört keinesfalls alles, was in der Bibel steht, und
keinesfalls alles, was die ersten sieben "ökumenischen" Konzile herausgegeben
haben. Bei der Arbeit an meinem Buch "Jesus ohne Dogmen" ist mir das klar
geworden.
Ich gehöre zu Jesus, in allen meinen
Lebensäußerungen. Dieser Jesus kann nicht einfach von den Kirchen usurpiert
werden. Er ist für alle Menschen da und hat darüber hinaus ein kosmisches Leben.
"Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das
Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist. Die Zeit, in
der man das den Menschen durch Worte - seien es theologische oder fromme Worte -
sagen könnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens,
und d.h. eben die Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig
religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal
sind, nicht mehr religiös sein." (Aus: "Widerstand und Ergebung - Briefe und
Aufzeichnungen aus der Haft" von Dietrich Bonhoeffer, S.140.)
Das hat Dietrich Bonhoeffer im Jahr 1944
geschrieben. Und wo stehen wir heute? Der Trend zur Säkularisierung ist in
Europa unaufhaltsam. Der Schrei nach Freiheit ist in den arabischen Staaten im
Jahr 2011 unüberhörbar erklungen.
Was wird von all den Religionsgesellschaften übrig
bleiben, den christlichen und den anderen? Wenn es gut geht, werden sie ihre
Macht verlieren und die Formulierung ihrer Bekenntnisse wird nicht mehr normiert
sein. Dann werden sie Jesus näher sein. Dann wird es anerkannt sein, dass man zu
Jesus gehören kann, auch ohne getauft zu sein. Dann wird eine neue Kultur des
Miteinanderlebens in Reichweite sein.
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Das Grundgesetz des Kosmos
-
9. Juni 2011
Das Grundgesetz des Kosmos ist folgendes: Jedes
Wesen will lieben und geliebt werden.
Das Wort "Wesen" ist dabei im allgemeinsten Sinn zu
verstehen. Es handelt sich um die Stein-, Erd-, Feuer-, Wasser- und Luftwesen,
um die Pflanzen- und Tierwesen, zu denen auch das "Tier Mensch" (Desmond Morris)
gehört. Auch Wesen wie Engel und Dämonen gehören dazu und kosmische Wesen, die
sich unserer Wahrnehmung entziehen.
Eine Anwendung des Satzes lautet: Gott will lieben
und geliebt werden.
Dabei können wir nicht sagen, dass Gott ein "Wesen"
ist. Der Satz in dieser Form sprengt also alle unsere Vorstellungen. Er enthält
eine unermessliche Flut von Geben und Nehmen. In diese Flut hinein können wir
uns bergen, von und mit dieser Flut können wir leben.
Wer das einmal erfasst hat, hat eigentlich keinen
Feind mehr. Es gibt in seinem Leben vielleicht Menschen oder Naturgewalten, die
ihn, seine Familie oder seine größere Gemeinschaft bedrohen oder gefährden oder
sogar verletzen und umbringen können, aber Feinde hat er nicht. In der
hasserfülltesten Aggression wird er noch den Hass der enttäuschten Liebe und die
Sehnsucht nach wahrer Liebe erkennen können, und er wird sich danach verhalten.
Das ist das einzige Rezept für eine neue Zeit.
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Aspekte
der Weihe -
23. Mai 2011
In meinen Gedankensplittern habe ich immer wieder
von der Weihe gesprochen. Damit meine ich nicht, dass jemand einen Ritus an mir
vollzogen hat, mich geweiht hat. Ich habe mich selbst dem Herzen Jesu geweiht,
dem Herzen Marias von Magdala, seiner Gefährtin, dem Herzen Marias von Nazaret,
seiner Mutter, dem Herzen Gerhilds, meiner Frau, und dem Herzen aller Wesen. Ich
habe mich auch dem Herzen der Erde und dem Herzen des Kosmos geweiht, in denen
der transzendente Gott sich zeigt. Meine Weihe wiederhole ich Tag für Tag: Das
wird mir zu einer Quelle der Hingabe und der Freude. So kann ich mich
unverbrüchlich auf die Lebendigkeiten beziehen, denen ich mich weihe.
Ist es wirklich realistisch, sich dem Herzen einer
Gefährtin Jesu zu weihen? Oder betritt man da den Boden der Fantasterei? Die
Gefährtin Jesu wird mir immer konkreter und lebendiger. Ich erfahre ihren Namen
innerlich als Maria. Ob es Maria von Magdala war? Zu Jesu vollem Menschsein
gehört für mich jetzt bereits zweifelsfrei dazu, dass er eine Gefährtin hatte.
War es eine spirituelle Gefährtin, wie Franz von Assisi sie in Klara hatte? Oder
war es eine Gefährtin, die als seine Frau zu ihm gehörte? Jedenfalls über den Tod hinaus. Und ich
halte meine Aufnahmefähigkeit für alle Spielarten offen.
(Siehe: "Maria
Magdalena und die Frauenfrage", "Das
Herz des Universums".)
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Das Christentum als Ersatzreligion
-
18. Mai 2011
Was hätte nicht alles werden können, mit und durch
Jesus, wenn sie ihn nicht in dieser entwürdigenden Art umgebracht hätten, in der
Absicht, ihn zu vernichten, seinen Einfluss als Volksverführer oder Aufrührer
völlig auszuschalten.
Wer sind sie denn, die Jesus vernichten wollten? Im
April 2006 habe ich im Mattenhof in Gümligen bei Bern das Musical "The Passion"
gesehen. Das Musical zeigt nur den Prozess vor Pontius Pilatus. Eine jüdische
Mitbeteiligung wird nicht erwähnt.
Und Gerd Lüdemann schreibt in einem Artikel, der in
der "Welt" veröffentlicht wurde: "Da die Kreuzigung eine römische Strafe war,
können wir schlussfolgern: Die Römer haben Jesus den Prozess gemacht und
hingerichtet. Der Grund für das Einschreiten gegen ihn stand auf der
Kreuzesinschrift. Jesus starb, weil die Römer ihn irrtümlich für den 'König der
Juden' hielten. Dieser Titel ist aus römischer Perspektive formuliert und
deswegen geschichtlich. Die christliche Kirche muss - belehrt durch die
historische Kritik der biblischen Passionsgeschichte - auch die Beschuldigung
zurücknehmen, dass die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod
Christi gedrungen hätten. Jesu Exekution war ein Justizmord, ausgeführt einzig
und allein durch die römische Staatsmacht. Ohne diesen Mord hätte es die
mächtigste Weltreligion nicht gegeben." (Gerd Lüdemann, "Wer war schuld am Tode
Jesu?", Die Welt, 9.4.2009.)
Es liegt andererseits auf der Hand, dass Jesus, der
die blutigen Opfer im Tempel abschaffen wollte und die persönliche Verantwortung
über das Gesetz des Mose stellte, den jüdischen Obrigkeiten ein Dorn im Auge
war. Ob sie an seiner Hinrichtung mitbeteiligt waren, wird sich niemals beweisen
oder widerlegen lassen. Daher ist jede Spur von antijüdischem Ressentiment
Unrecht. Dass die jüdische Religion und die Menschen, die sich zu ihr bekennen,
alle Verfolgungen überlebt haben, spricht eine deutliche Sprache.
Das Christentum ist eine Ersatzreligion, eine
Religion der Verzweiflung, die aus der Not eine Tugend gemacht hat, eine
Religion der Theologen mit Paulus von Tarsus an der Spitze.
Mt 5,48 lautet: "Darum sollt ihr vollkommen sein,
wie euer himmlischer Vater vollkommen ist." In dem Buch von Dietrich Bonhoeffer,
das die Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft enthält, fand ich den Hinweis,
dass das Wort τέλειος (teleios), das hier mit "vollkommen" übersetzt wird,
ursprünglich "ganz" heißt. Es geht darum, in der Nachfolge Jesu ganz zu werden.
Jesus selbst ist der ganze, vollkommene Mensch par
excellence, schon in den letzten Jahren seines irdischen Lebens und erst recht
nach seiner Auferstehung. Wir können mit Sicherheit annehmen, dass er vollendet
ist, unabhängig davon, ob das Felsengrab nun leer war oder nicht.
Der auferstandene Jesus hat die
ganze Erde oder sogar den ganzen Kosmos als seinen Leib und sein Blut
angenommen, mit allem Leid und mit dem Weg in die Vollendung. Er hat uns den Weg
gebahnt, um selbst in die Vollendung hineinzuwachsen, die er erreicht hat, in
unserem Leben, das mit dem Tod nicht endet.
Vom auferstandenen Jesus
genährt, aber unabhängig von allen Bekenntnissen lebt eine
eigentliche Religion, die die ganze Menschheit umfasst, Muslime, Christen, Juden
und alle anderen. Sie lebt in Gesinnungen und Handlungen von Menschen, oft im
Verborgenen. Die Menschheit hat die Verantwortung, alle Facetten dieser Religion
zu leben. Nur so wird die Gewalt gegen Menschen und gegen die Natur ihre Kraft
verlieren.
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Wie
sich Gott zeigt -
18. Mai 2011
Die Bibel gründet auf den hebräischen Buchstaben und
ihren Zahlenwerten. Das Zählen beginnt bei der Eins, eine Null gibt es nicht.
Gott in sich entspricht jedoch der Null. Wie Gott in sich ist, ist und bleibt
transzendent. Es ist für uns nicht fassbar.
Nach der klassischen christlichen Auffassung hat
Gott die Welt geschaffen. "Dabei ist die Welt weder göttliche Substanz noch
Modifikation einer unendlich existierenden Urmaterie. Vielmehr hat Gott die Welt
als nichtgöttliche Wirklichkeit geschaffen und er hat sie aus [dem] Nichts
geschaffen." (Aus einer Arbeitshilfe der Zentralstelle Pastoral der Deutschen
Bischofskonferenz.)
Der Gott der Bibel zeigt sich als der eine Gott, der
uns Vater ist, es wird von ihm aber auch gesagt, dass er uns wie eine Mutter
tröstet. Der väterliche Gott mit der mütterlichen Anima? Das kann doch nicht
alles sein, was über das Weibliche zu sagen ist.
Es gibt drei Worte, die denselben Wortstamm haben:
Mater (lateinisch für Mutter), Materie und Matrix (heißt im Lateinischen
Gebärmutter, eigentlich Muttertier).
Vielleicht ist es doch verengend, zu sagen, Gott
habe die Welt aus nichts oder aus dem Nichts geschaffen. Vielleicht ist die
aufnehmende, gebärende Urmaterie ein göttliches Prinzip wie der zeugende
Urgeist. Vielleicht sind es gar nicht zwei Prinzipien, sondern nur zwei Seiten
eines einzigen Prinzips. Vielleicht sind Licht und Dunkel göttlich. Vielleicht
ist das Licht nur die andere Seite des Dunkels und das Dunkel nur die andere
Seite des Lichts.
Unter dieser Annahme löst sich das Böse nicht auf.
Es gibt das Böse nach wie vor, aber es kann nicht mehr gesagt werden: "Die
Materie ist böse" oder "Das Dunkel ist böse". Die Materie kann nicht mehr als
das Gefängnis des Geistes gesehen werden.
Ist das nicht eine wunderbare Wirklichkeit, in
der Gott als Nullheit in sich selbst nicht gesehen werden kann, aber als
Einheit, die sich uns zuwendet, in höchster Ekstase im Tanz des Weiblichen mit
dem Männlichen, der Materie mit dem Geist, des Dunkels mit dem Licht gespürt und
gefühlt werden kann?
Der nächste Schritt ist die Zweiheit, und in dieser
Zweiheit sind wir Menschen Bilder von diesem tanzenden Gott. Dabei ist Jesus
keine Ausnahme. Und wenn er wollte, hatte er eine Gefährtin.
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Die Befreiung verkünden -
18. Mai 2011
Als Jesus am Beginn seines öffentlichen Wirkens in
der Synagoge von Nazaret verkündete, er habe von Gott den Auftrag, den
Gefangenen die Befreiung zu verkünden, kam es zu einem Eklat und die Leute
hätten ihn fast umgebracht. Die Befreiung ist ein zentraler Punkt seiner
Verkündigung, der bis zum heutigen Tag Widerspruch hervorruft und dabei immer
wichtiger und dringender wird, je mehr die menschliche Geschichte
voranschreitet.
Das Christentum ist eine Religion des Buches und
vieler Gesetze geworden.
In einer bei Amazon veröffentlichten Rezension des
Buches "Jesus von Nazareth: Band II" von Joseph Ratzinger habe ich folgenden
Satz gefunden: "Christliche Existenz bedeutet [nach Ratzinger] 'Menschwerdung',
Weg aus der Enge, dem Ungenügen des Ich in die Erfahrung der Fülle, Nähe,
Grenzenlosigkeit der Freiheit."
Wie kann der derzeitige Bischof von Rom die Freiheit
als die zentrale Erfahrung der christlichen Existenz bezeichnen, während er
selbst und seine vatikanischen Behörden die Menschenrechte mit Füßen treten?
Und wie ist es in der Politik? In den letzten
Monaten machen die Ereignisse in den arabischen Staaten immer wieder
Schlagzeilen. Als Beispiele nenne ich zwei Überschriften von Artikeln, die in
der letzten Zeit in der Wiener Zeitung erschienen sind: "Syriens Armee jagt die
Gegner des Regimes" und "Gewalt in Syrien nimmt kein Ende".
Die heutige Wiener Zeitung bringt einen Artikel mit
dem Titel "Welt ist nicht menschenrechtskonform". Der Artikel beginnt mit den
Worten: "50 Jahre nach der Gründung von Amnesty International (ai) hat die
Menschenrechtsorganisation zumindest eine Gewissheit: Es gibt heute 'keinen
Staat auf der Welt, der seinen Bürgern alle Menschenrechte zukommen lässt',
erklärt Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich."
Und wie ist das eigentlich mit Freiheit in der
Wirtschaft? Im Sinn von Jesus kann Freiheit niemals schrankenlose
Liberalisierung bedeuten. Die Befreiung der Armen, Unterprivilegierten,
Entrechteten ist vorrangig.
Ohne eine solche Befreiung, in politischer,
religiöser und wirtschaftlicher Hinsicht, wird kein Frieden in der Welt möglich
sein.
Und so ist es auch heute und in Zukunft unsere
Aufgabe, die Befreiung, wie Jesus sie gemeint hat, zu verkünden und zu
leben.
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Eucharistiefeier ohne Leitung durch Amtsträger
-
2. Mai 2011
Am gestrigen Weißen Sonntag haben Gerhild, meine
Frau, und ich wieder einmal bei uns zuhause eine
Eucharistiefeier ohne Leitung durch Amtsträger
gemacht. Dabei haben wir die von mir modifizierten Bibeltexte und Gebetstexte
verwendet. Das anschließende Abendessen war von der Innigkeit der Feier
getragen. Je öfter wir eine solche Feier machen, umso mehr wächst unsere innere
Selbstverständlichkeit und Autorität dabei. Ich frage mich: Wann werden wir es
wagen, andere Leute dazu einzuladen? Oder andersherum: Wann werden es andere
Leute wagen, dabei zu sein?
Was dafür spricht:
Apg 2,46; Einheitsübersetzung: "Tag für Tag
verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten
miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens." Das ist Eucharistiefeier
und anschließende Agape in Hausgemeinschaften.
Lk 24,30-31, Einheitsübersetzung des Erlebnisses
beim Gang nach Emmaus: "Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot,
sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen
auf und sie erkannten ihn." Nicht irgendein Amtsträger reicht uns das Brot und
den Wein, sondern der auferstandene Jesus selbst.
Es gibt das allgemeine Priestertum aller, die Jesus
nachfolgen. "Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen
(vgl. Hebr 5,1-5), hat das neue Volk 'zum Königreich und zu Priestern für Gott
und seinen Vater gemacht' (vgl. Offb 1,6; 5,9-10). Durch die Wiedergeburt und
die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau
und einem heiligen Priestertum geweiht ... (vgl. 1 Petr 2,4-10)." (Lumen Gentium
10.)
Was dagegen spricht:
In allen christlichen Kirchen ist Weihe oder
Ordination oder Beauftragung Voraussetzung für die Leitung der Eucharistiefeier.
Selbst in Freikirchen gibt es eine Beauftragung, die mit einer Segenshandlung
verbunden ist.
Die jahrhundertelange Einschüchterung der Menschen,
denen stets vorgegaukelt wurde, zwischen ihnen und dem auferstandenen Jesus sei
eine beamtete Mittelsperson vonnöten.
Ich bleibe beim Dafür:
Jesus selbst war kein Priester. Er hatte keine
reguläre biblische Ausbildung abgeschlossen. Er war von niemand ordiniert. Er
war von niemand beauftragt außer von Gott, dem Vater. Er hat den Menschen eine
bis heute nicht voll verstandene neue Freiheit gebracht, und zwar in gleicher
Weise den Männern und den Frauen. Wer diese Freiheit in der Nachfolge Jesu
spürt, versteht und in Anspruch nimmt, wächst immer mehr hinein. Angst und die
Folgen der Einschüchterung durch viele Generationen fallen weg.
Selbstständigkeit und das Vertrauen auf die Führung durch den Geist Gottes
entfalten sich. Vollständiges und freies religiöses Leben ohne äußere
Bevormundung erstarkt. Um so zu leben, ist es nicht nötig, aus irgendeiner
Kirche auszutreten, irgendeiner Gemeinschaft den Rücken zu kehren. Aber man ist
nicht mehr auf eine bestimmte Kirche oder Gemeinschaft angewiesen oder
eingeschränkt.
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Die Stimme des Herzens -
22. April 2011
Am gestrigen Gründonnerstag waren Gerhild, meine
Frau, und ich bei der evangelischen "Feier der Einsetzung des heiligen
Abendmahls in neuer Form" in Purkersdorf. Es waren achtzehn Personen da, davon
vier Männer (inklusive Pfarrer und Organist) und vierzehn Frauen. Wir saßen alle
um einen langen, weiß gedeckten Tisch herum, auf dem drei Kerzen und
Blumengestecke standen sowie ein Teller mit einem Fladenbrot, ein Tonkrug mit
Wein und ein Becher.
Beim Abendmahl wurden Brot und Wein im Kreis
herumgereicht. Jede Person reichte die Gaben der nächsten. Der Pfarrer kam als
letzter dran. Eine Frau reichte die Gaben weiter, ohne selbst etwas zu nehmen.
Wie sich später herausstellte, war sie eine geschiedene Wiederverheiratete, die
der römisch-katholischen Kirche angehört. Selbst hier, in der evangelischen
Kirche, wo die hartherzige Regel des römisch-katholischen Lehramts, die den
geschiedenen Wiederverheirateten die Teilnahme an der Kommunion verbietet, nicht
gilt, fühlte sie sich befangen und war nicht imstande, sich in den Gaben von
Brot und Wein mit Leib und Blut des auferstandenen Jesus zu verbinden.
Das geschah nach der gemeinsamen Beichte und
Lossprechung, die der Pfarrer vorgenommen hatte, und es geht mir sehr nahe. Die
innere Stimme, die von Gott kommt, hätte der Frau gesagt, dass sie frei ist und
neu anfangen kann und am Abendmahl teilnehmen kann. Doch das von außen, von
einer unbarmherzigen Kirchenbehörde aufoktroyierte Gewissen machte der Frau die
Teilnahme unmöglich.
Es geht nicht um die Autorität des Buchstabens,
sondern um die Autorität des Herzens. Es geht nicht um das starre Gesetz,
sondern um die befreiende Liebe. Es geht um das Herz als das Innerste des
Menschen, das mit Gott verbunden ist. Es geht darum, von Herz zu Herz mit Jesus
verbunden zu sein, mit seinem Geschenk der Freiheit, die von jedem Hass befreit,
allen Menschen zu begegnen und darüber hinaus allen Geschöpfen, damit sie
aufatmen können und sich sagen: "Endlich. So soll es sein."
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Karfreitag und Judenhass
-
16. April 2011
Am Karfreitag wird in allen römisch-katholischen
Kirchen das Leiden Jesu nach Johannes verlesen, mit verteilten Rollen. Da kann
man dann hören:
"Judas, der Verräter, der ihn auslieferte"
Ich zweifle nicht daran, dass Judas die römischen Soldaten und die Tempelwächter
auf den Ölberg geführt hat, aber ich zweifle daran, dass der Hohe Rat darauf
angewiesen war. Seit Jesus nach Jerusalem gekommen war, hatte er täglich am
Ölberg übernachtet. (Siehe Lk 21,37.) Sie hatten jederzeit die Möglichkeit,
einen Spitzel nachzuschicken und das auszukundschaften.
Und soll denn Judas in alle Ewigkeit als "der Verräter" bezeichnet werden?
"die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus
fest."
"Kajaphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte"
"Die Juden antworteten ihm: Uns ist es nicht gestattet, jemand
hinzurichten."
"würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert
würde."
"ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen
Grund, ihn zu verurteilen."
"Die Juden entgegneten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz
muss er sterben"
"die Juden schrien: Wenn du ihn freilässt, bist du kein Freund des
Kaisers"
"Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden
nur heimlich."
Durch die pauschale Verteufelung der Juden wird im Bericht über das Leiden Jesu
und auch sonst im Johannesevangelium der Judenhass geschürt. Die Folgen in der
Menschheitsgeschichte sind bekannt.
Für jeden, der diese Schande nicht weiter fortsetzen
will und den Text ändert, bevor er ihn vorlesen lässt, bin ich dankbar. Wer das
unverändert lesen lässt oder liest: Muss der nicht sein Herz und Hirn vorher
ausschalten?
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Maria Magdalena und die Frauenfrage
-
7. April 2011
In dem Gedankensplitter "Jesus
und Maria aus Magdala" habe ich eine Spur aufgenommen. Diese Spur habe ich
seither weiter verfolgt.
Mit totaler Verbindlichkeit und täglicher
Vergegenwärtigung bin ich dem Herzen Jesu geweiht, dem Herzen seiner Mutter
Maria und dem Herzen Gerhilds, meiner Frau. (Siehe "Anders
beten".)
Ich habe nun begonnen, mich auch täglich dem Herzen
von Maria Magdalena zu weihen. Ich bete: „Maria Magdalena,
deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage meines Lebens und über den
Tod hinaus."
Dabei wird mir klar, dass Maria aus Magdala das Leid aller Frauen
mitträgt, die durch die Jahrhunderte verfolgt und bis heute nicht voll
angenommen werden, in der Kirche und überhaupt in patriarchalischen
Gesellschaften. Das Wesen dieser Maria und ihre außergewöhnliche, kongeniale
Verbundenheit mit Jesus tief zu verstehen könnte sogar der Schlüssel zur
Erneuerung von Kirche und Gesellschaft sein. Da es zumindest bisher keine
historischen Beweise gibt, können wir nur beten und auf unser Inneres hören,
wenn wir dieser Spur weiter nachgehen wollen.
Feedback von Martha Heizer:
Sie tun mir gut, deine Gedanken.
Maria von Magdala habe ich besonders durch Elisabeth Moltmann kennen und
lieben gelernt, in dem Buch „Ein eigener Mensch werden. Frauen um
Jesus“, das mir eine Freundin zum 30. Geburtstag geschenkt hat (ein
halbes Leben her!). Dort beschreibt sie auch Martha von Bethanien, und
seit ich das gelesen habe, kann ich mit meinem Namen wieder was anfangen
…
Wir waren dann in dieser Grotte in Südfrankreich, wo
Maria Magdalena der Überlieferung nach ihren Lebensabend verbracht hat.
Und in der Kirche in Tarascon, wo Martha von Bethanien sehr friedlich
und ohne Schwert einen Drachen gebändigt hat. Dort ist vor der Kirche
beim Aussteigen unserer kleinen Tochter die Autotür auf die
Finger gefallen – aber wie sie die Hand auf den Sarkophag Marthas gelegt
hat, war der Schmerz auf der Stelle weg.
Anmerkung:
Und das tut wiederum mir gut. Ein eigener Mensch werden - das
gehört zu meinen Grundintentionen und zu dem, was ich allen Menschen wünsche.
Das Buch von Elisabeth Moltmann ist noch gebraucht erhältlich und ich habe es
bestellt.
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Jesus und Maria aus Magdala
-
28. März 2011
Im August 2010 habe ich sechs
Thesen für ein neues religiöses Verständnis formuliert. Die erste dieser
Thesen besagt, dass es nicht
ums Christentum, sondern um die Nachfolge Jesu geht und dass Jesus für alle da
ist, über Konfessionsgrenzen, aber auch über Religionsgrenzen hinaus. Mit dem,
was sich als Christentum etabliert hat, kann ich immer weniger anfangen.
Die Bibel ist in dem Ausmaß
heilige Schrift, in dem sie es geschafft hat, die authentische Glaubenserfahrung
von Menschen einzufangen, von Propheten des Ersten Bundesbuchs und ganz
besonders von Jesus. Sie kann aber nicht pauschal als Offenbarung verstanden
werden. Sie ist in dem Ausmaß lebendig, in dem heute lebende Menschen sie
lebendig machen. Und sie ist änderbar. Wer unter allen Umständen bibeltreu oder
bibelkonform sein will, läuft Gefahr, das zu vernachlässigen, was der Geist
Gottes in seinem Inneren spricht.
Das zentrale Vermächtnis Jesu an
uns sind die Worte "Das ist mein Leib" und "Das ist mein Blut". Als er diese
Worte sprach, nahm er ein Fladenbrot bzw. einen Becher mit gewässertem Wein, wie
es damals Sitte war. Der auferstandene Jesus hat jedoch die ganze Erde oder
sogar den ganzen Kosmos als seinen Leib und sein Blut angenommen, mit allem Leid
und mit dem Weg in die Vollendung. Es ist gut, das in Gottesdiensten zu
vergegenwärtigen. Doch es darf dabei keine Verengung auf die Gaben von Brot und
Wein geschehen. Und es darf nicht die Illusion auftauchen, auf das Wort eines
Priesters hin könnten sich Brot und Wein in Jesu Leib und Blut verwandeln. In
einem tieferen Sinn sind sie es jederzeit. Sie brauchen nicht verwandelt zu
werden. Wenn die Menschen die Heiligkeit von allem und jedem verstünden, würden
viele Verbrechen an einzelnen Menschen, an Minderheiten und an der Natur nicht
geschehen.
Dass alles heilig und alles in
der Hand Gottes ist, ist ein Grundwissen der Menschheit. Jesus hat dieses
Grundwissen in beispielloser Art und Weise gehabt und gelebt, sodass er mit Gott
ununterscheidbar eins geworden ist und sodass wir sagen können, seine
ununterscheidbare Einheit mit Gott habe schon vor seiner Geburt auf der Erde
bestanden.
Was sich als Christentum
entwickelt hat, ist weitgehend eine Verzerrung dieses Grundwissens. Die
Verzerrungen beginnen in der Bibel und setzen sich fort auf den sieben
ökumenischen Konzilien im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung. Dazu kommt
noch, dass die Kirche durch die Jahrhunderte verarmt ist, weil sie Menschen
verfolgt und sogenannte Irrlehren ausgeschieden hat. Das markanteste Beispiel
der Antike ist Origenes, von dessen Erkenntnissen nur eine zensurierte Fassung
übrig bleiben durfte, alles andere wurde verdammt.
Der Geist Gottes ist nicht ein
Geschenk für die Verfasser der Bibel oder für die an Konzilien teilnehmenden
Bischöfe, sondern er ist eine Kraft, die allen Menschen zur Verfügung steht,
unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Dass auf den Geist Gottes im
Inneren der Menschen gehört wird, das wird in der heutigen Zeit immer mehr zur
kollektiven Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit kann nicht verordnet und nicht
eingegrenzt werden.
Wieso ist alles so gelaufen?
Jesus hat bis zu seinem Tod keinen kongenialen männlichen Partner gehabt. Es
gibt Vermutungen, dass Maria aus Magdala eine kongeniale Partnerin gewesen sei,
aber es gibt keine schriftlichen Beweise dafür. Ich halte es für wahrscheinlich,
dass es so gewesen ist, aber nicht aufgrund apokrypher Schriften wie das
Evangelium der Maria, sondern aufgrund dessen, wie die Erscheinung des
auferstandenen Jesus vor Maria aus Magdala im Johannesevangelium beschrieben
ist. Maria wendet sich zu ihm und sagt "Rabbuni!", was man mit "verehrter
Meister" oder "geliebter Meister" wiedergeben kann. Ich spüre dabei, dass die
Formulierung "geliebter Meister" die richtige ist und dass eine tiefe innere
Verbindung zwischen Maria und Jesus besteht.
Wie dem auch sei - in der streng
patriarchalischen Gesellschaft der damaligen Zeit hatte die freie, auf gleicher
Ebene bestehende Verbindung zwischen den beiden keine Chance, überliefert zu
werden. Abgesehen von Maria trafen die Erscheinungen des Auferstandenen
Unvorbereitete. Wie sie alles verstanden und was sie dann taten, war weitgehend
inadäquat. Die Apostelgeschichte hat es uns eindringlich überliefert. Sie
setzten den Anfang dafür, dass das Christentum eine Religion des Buches und des
Streits um Formulierungen geblieben ist.
Wenn die christlichen Kirchen in
dieser Form überleben, so überleben sie zwar nicht als lebendige Leichen, jedoch
als schwer Ramponierte, denen die Weitergabe des Geistes Jesu kaum noch möglich
ist, weder in ihrer Theologie noch in ihrer Liturgie. Das gilt ganz besonders
für die römisch-katholische Kirche, von der Eugen Drewermann schreibt, dass sie
"ihren gewaltigen Beamtenapparat zur Garantie der Wahrheit und zur rechten
Applizierung der Heilsgeheimnisse Gottes an die Menschen bis auf einen Rest
pragmatisch begründbarer Funktionen mit auswechselbaren Funktionsträgern
zusammenschleifen" muss. (Aus: Eugen Drewermann, "Worum es eigentlich geht -
Protokoll einer Verurteilung", S.22.)
Was tun wir in dieser Situation?
Können wir bei Jesus selbst anknüpfen, in einer Beziehung von Herz zu Herz?
Können wir auch bei seiner Verbindung mit der Magdalenerin anknüpfen, von der
wir so gut wie gar nichts wissen, deren innere Realität aber durch die
Jahrhunderte weiterlebt? Als Antwort auf diese Frage gibt es für mich nur ein
großes Ja.
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Pontifex maximus? -
15. März 2011
In diesem Gedankensplitter geht es um den Bischof
von Rom und dich und mich. Gibt es da Unterschiede?
Um den Bischof von Rom herum wurde in autokratischer
und absolutistischer Manier eine Fülle von Bezeichnungen und Titel gehortet.
Haben diese Bezeichnungen und Titel etwas mit Jesus zu tun? Ich greife einige
Beispiele heraus.
Die Bezeichnung "Papst" (kirchenlateinisch papa =
Vater) nicht - wir sind alle Schwestern und Brüder.
Die Bezeichnung "heiliger Vater" nicht - heiliger Vater ist Gott allein.
Der Titel "Stellvertreter Jesu Christi" nicht - wir sind alle eingeladen, Jesus
nachzufolgen, aber niemand kann sein Stellvertreter sein.
Die Bezeichnung "Pontifex maximus" (oberster Brückenbauer) nicht - ein Titel,
der aus dem römischen Götterkult und Kaiserkult kommt - wir sind alle
eingeladen, Brückenbauer im Sinne der Bergpredigt zu sein.
Was Christian Blankenstein in seinem Buch
"Christsein - aber wo?" als Treppenwitz bezeichnet: Ausgerechnet den Titel
"Patriarch des Abendlandes" = "Patriarch der Westkirche" hat Benedikt XVI.
abgelegt, einen Titel, der niemandem wehtut, der aber doch geeignet war, ihm
etwas von den universalen Ansprüchen seines Amtes wegzunehmen.
In einer erneuerten Kirche Jesu Christi könnte der
Bischof von Rom ein Patriarch wie andere sein - nicht im Sinne eines primus
inter pares, denn das Amt, der erste Patriarch zu sein, könnte genauso rotieren
wie das Amt des Bundespräsidenten unter den Ministern und Ministerinnen in der
Schweizer Regierung.
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Liebeserklärung an die eigene Frau
-
10. März 2011
Im Jahr 1968, am Tag ihres 25. Geburtstages, schrieb
ich folgendes Gedicht für Gerhild:
Die Liebe hat keine Worte
Du bist die Lampe aus Zinn
ich das Öl
gepresst aus grünen
Oliven
Lass mich ein
gemeinsam
können wir leuchten
In diesen Tagen, 43 Jahre später, bin ich dabei, ein
Kinderbuch zu schreiben. Immer wenn ich einen Abschnitt fertig habe, folgt ein
zweiter Arbeitsgang: Gerhild und ich bearbeiten den Abschnitt gemeinsam. Als wir
heute bei den Öllampen waren, die vor 2.000 Jahren verwendet worden sind, ist
mir schlagartig dieses Gedicht eingefallen. Und ich dachte mir: Jetzt ist unsere
Gemeinschaft wirklich das geworden, was ich damals spontan hingeschrieben habe. Sie
ist das geworden in der ganzen Breite der möglichen Bedeutungen des Gedichts.
Zufall?
Prophetie?
Dankbarkeit!
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Von
guten Mächten? -
7. März 2011
Gestern Abend habe ich in dem Buch "Letzte Briefe im
Widerstand - Aus dem Kreis der Familie Bonhoeffer" gelesen. Unter anderem bin
ich auf den Text des Gedichts "Von guten Mächten" gestoßen, das Dietrich
Bonhoeffer am 30.12.1944 im Kellergefängnis der Gestapo in der Prinz
Albrecht-Straße zum Geburtstag seiner Mutter und für seine Braut geschrieben
hat.
Aus diesem Gebet ist ein Kirchenlied geworden. Ich
habe dieses Lied nie leiden können. Auf mich wirkte die Vertonung so glatt und
der Text so unverständlich und unbestimmt.
Als ich gestern in dem Taschenbuch las, ist die
Situation, in der sich die Menschen aus dem Kreis der Familie Bonhoeffer
befanden, voll in mich hineingefahren und ebenso die Situation aller in den
letzten Kriegsmonaten. In seinem letzten Brief vom 17.1.1945 schrieb Dietrich
Bonhoeffer: "Wenn man bedenkt, wie viele Menschen jetzt täglich alles verlieren,
hat man eigentlich gar keinen Anspruch mehr auf irgendwelchen Besitz."
Nun verstehe ich, dass das Gedicht "Von guten
Mächten" mit erschreckender Genauigkeit dieses Grauen widergibt und die
überwältigende Antwort darauf aus dem tiefen, endgültigen Vertrauen. Meine
Tränen waren da und ich konnte kaum noch sprechen. Werde ich dieses Kirchenlied
je wieder mitsingen können?
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Das
Welthalleluja -
6. März 2011
Ich komme gerade vom Gottesdienst in unserer
evangelischen Gemeinde, bei dem die Konfirmandinnen und Konfirmanden vorgestellt
worden sind. Wir haben das Halleluja von Leonard Cohen gesungen. Von diesem Lied
gibt es verschiedene Fassungen. Das Lied ist auch das posthum bekannteste Stück
von Jeff Buckley.
Von den Strophen, die wir gesungen haben, ging mir
folgende unter die Haut:
Your faith was strong but you needed proof
you saw her bathing on the roof
her beauty and the moonlight overthrew you
she tied you to her kitchen chair
she broke your throne and she cut your hair
and from your lips she drew the hallelujah
Hallelujah, hallelujah, hallelujah, hallelujah
Ich übersetze das:
Dein Glaube war fest, doch du brauchtest die
Bestätigung
du sahst sie baden auf dem Dach
ihre Schönheit und das Mondlicht überwältigten dich
sie band dich an ihren Küchenstuhl
sie zerbrach deinen Thron und sie schnitt dein Haar
und von deinen Lippen sog sie das Halleluja
Halleluja, halleluja, halleluja, halleluja
Die Strophe bezieht sich auf König David, wie er
Batseba, die Frau seines Kriegers Urija, den er später in den Tod schickt, auf
dem Dach baden sieht. Der Liedtext strahlt höchste Sinnlichkeit aus, das
Verbrechen an Urija wird nicht erwähnt. Das Lied sagt über König David etwas
anderes aus: Sein ganzes Sein, sein ganzes Tun singt Halleluja.
Der Originaltext von Leonard Cohen spricht von einem
heiligen und einem zerbrochenen Halleluja. Ob nun das eine oder das andere
vorliegt, das spielt nach dem Autor keine Rolle. Worauf es ankommt, ist das
Halleluja.
In diesem Lied klingt an, dass König David das
Halleluja durchhält, durch alle Taten und Untaten seines Lebens.
Alles, was existiert, singt Halleluja. Der ganze
Kosmos singt Halleluja. Dieses Halleluja tönt in mir wieder. Ich singe Halleluja
mit allem, was ich bin, mit allem, was ich tue. Ich bin ein Teil des Kosmos.
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Lass Religion neu erstehen
-
4. März 2011
Vor kurzem habe ich die Website der Giordano Bruno
Stiftung entdeckt. In der Broschüre "Aufklärung
im 21. Jahrhundert" sagt sie über sich
selbst: „Ziel
der Stiftung ist es, eine tragfähige säkulare Alternative zu den bestehenden
Religionen zu entwickeln und ihr gesellschaftlich zum Durchbruch zu
verhelfen.“
Wie sieht die Stiftung Gott und
die Religionen?
Gott ist nach der
Broschüre eine vom Menschen geschaffene und zum Gott erhobene Vatergestalt. Wenn
also der Begriff "Gott" überhaupt verwendet wird, so muss er so definiert
werden, dass er nicht im Widerspruch zu den Naturgesetzen steht (dies verlangt
u.a. einen Verzicht auf Wunder- und Schöpfungsglauben).
„Die Stiftung ist
religionskritisch, nicht religionsfeindlich. Wir verstehen die Religionen als
kulturelle Schatzkammern der Menschheit, die zweifellos neben überholten Welt-
und Moralvorstellungen auch sinnvolle Elemente enthalten, die heute noch
Beachtung finden sollten. Allerdings: Um die wertvollen Bestandteile der
Religionen von den zeitbedingten Irrtümern und den mit ihnen einhergehenden,
oftmals grausamen moralischen Normen trennen zu können, ist eine
kritisch-rationale, säkulare Haltung zur Religion erforderlich. Schließlich sind
die Religionen ebenso Menschenwerk wie alle anderen Produkte und Institutionen,
die unsere Spezies im Verlauf ihrer kulturellen Evolution hervorgebracht hat.
Deshalb sollten religiöse Schriften mit dem gleichen kritischen Blick gelesen
werden wie etwa die Werke antiker Philosophen.“
Jesu Erlösungstat
ist nach der Broschüre ohne Voraussetzung von Hölle und Teufel, also ohne ein
wirksames metaphysisches Bedrohungsszenario, sinnlos.
Die Broschüre blickt auch in die
Geschichte:
„Die Idee der
Menschenrechte wurde maßgeblich von dem Religionskritiker Thomas Paine forciert,
während eine ganze Reihe von Päpsten dies als ‚unerträgliche Anmaßung’
verdammte. Erst 1961 konnte sich Papst Johannes XXIII. zu einer gewundenen
Anerkennung der Menschenrechte durchringen, jedoch hat der Vatikan als einziger
Staat in Europa die ‚Europäische Menschenrechtskonvention’ bis heute nicht
ratifiziert.“
Die
Giordano Bruno Stiftung vertritt viele legitime
Anliegen. Und doch kommt mir die Frage in den Sinn, ob nicht das Kind mit dem
Bad ausgeschüttet wird. In der Broschüre kommt das Wort "Transzendenz" nicht
vor. Dieses Wort ist für mich nicht einfach ein philosophisch zu definierender
Begriff, sondern etwas Lebendiges. Für mich sagt dieses Wort aus, dass aus einer
Urexistenz, die für alle auf der Erde und nicht mehr auf der Erde Lebenden
transzendent und daher unerkennbar ist, allen Wesen immer neue Horizonte geboten
werden. Zu diesem Lebendigen kann man eine Beziehung haben. Man kann über dieses
Lebendige nichts aussagen, mit einer Ausnahme: Ich gehe davon aus, dieses
Lebendige sei die Liebe, nicht aber die personifizierte Liebe, denn es ist nicht
möglich, zu sagen, es sei eine Person, und noch viel weniger, es sei drei
Personen. Warum soll man es nicht "Gott" nennen?
Paulus sagt im 1. Korintherbrief: "Jetzt sehen wir
in einem Spiegel nur undeutliche Bilder, dann (= dereinst) aber von Angesicht zu
Angesicht." (1 Kor 13,12.)
Diesen Satz halte ich für einen Irrtum. Wir werden
Gott auch nach dem Tod nicht von Angesicht zu Angesicht erkennen. Ein solches
Erkennen hätte für mich etwas Statisches. Leben ist und bleibt dynamisch, auch
nach dem Tod, auch nachdem die Verstorbenen nicht mehr in den Kategorien von
Raum und Zeit leben. Es ist durchaus möglich, nach dem Tod eine überwältigende
Gotteserfahrung zu machen. Aber auch diese Erfahrung ist nur ein Horizont.
Dass der Mensch Gott als Vatergestalt selbst
geschaffen hat, ist ein Aspekt. Ich bringe einen anderen Aspekt ins Spiel. Die
Vatergestalt ist einer der Horizonte, die uns von der Transzendenz her geschenkt
werden.Gott zeigt sich uns als Vater, er ist für uns Vater. Gott zeigt sich uns
auch als Mutter, er ist für uns Mutter. Heutzutage wird viel von der Mutter Erde
gesprochen. Das ist ein Horizont, der von vielen indigenen Kulturen erfasst
worden ist. Ich sehe in der Erde überall die Kraft des präexistenten und
auferstandenen Jesus. Das kommt daher, dass ich mit dem lebendigen Jesus von
Herz zu Herz verbunden bin.
Für mich liegt auf der Hand, dass Gott nicht der
Schöpfer des Himmels und der Erde ist. Der Himmel gemäß dem antiken Weltbild ist
eine mythologische Vorstellung. Und Gott ist kein Handwerkergott, kein
Uhrmachergott, kein Bildhauergott. Und doch kommt aus der Transzendenz ein
ungeheures Geschehen, das alles in die Existenz, ins Leben ruft. Dieses
Geschehen hat ein Agens, das in die Verwirklichung führt. Dieses Agens ist für
mich innig und ununterscheidbar mit dem präexistenten und auferstandenen Jesus
verbunden.
Religiöse Schriften lese auch ich mit kritischem
Blick. In der Bibel ist vieles enthalten, das zu Unheil geführt hat. Was ist
zugleich im Ursprung und heute lebendig und heilsam? Das ist für mich immer die
Frage. Mit meinen Bibelbearbeitungen möchte ich neues Leben ermöglichen,
zukunftweisendes Leben im 21. Jahrhundert. Die Bibel ist für mich zugleich zu
bearbeitender Text und heilige Schrift. Ich habe nicht davor zurückgescheut, in
meinen Bearbeitungen den Originaltexten direkt zu widersprechen, dort, wo es mir
unumgänglich erschienen ist.
Was Hölle und Teufel betrifft, so fühle ich mich in
der Nähe von Origenes. Das Böse in der Welt ist nicht abzuleugnen. Aber es wird
in eine Apokatastasis oder eine Allversöhnung mit einbezogen. Das ist für mich
nichts, wozu Seelenwanderung oder Wiedergeburt notwendig ist. Und es ist nichts,
was erst am Ende der Zeiten erfolgt, denn ein Ende der Zeiten ist eine
mythologische Vorstellung. Es beinhaltet die klare Aussage, dass eine ewige
Verdammnis ein Unding ist und alle damit verbundenen Drohungen nicht sachlich
sind, sondern aus der Verzweiflung und dem Hass von Menschen geboren.
Jesus ist in einem ganz anderen Sinn der Erlöser,
als die konventionelle Theologie meint. Es gibt keinen perversen Gottvater, der
seinen Sohn als Opferlamm für die Menschheit hingegeben hat. Und Jesu Tod am
Kreuz ist kein Opfer, das alle, die dieses Opfer bewusst akzeptieren, in einem
vordergründigen Sinn erlöst hat. Sein Tod am Kreuz ist die letzte Konsequenz
seiner schrankenlosen Liebe, die sich auf alle Menschen bezieht, auch auf die,
die ihn ablehnen. Er ist nicht auf die Welt gekommen, um am Kreuz zu sterben,
sondern er ist gekommen, um die schrankenlose Liebe in einer unüberbietbaren Art
und Weise zu leben. Als es daraufhin eine gesellschaftliche Strömung in Israel
gab, die ihn beseitigen wollte, ist er auch der grausamsten aller Todesarten
nicht ausgewichen. Ebensowenig ist Sokrates 400 Jahre vor Jesus dem ungerechten
Todesurteil nicht ausgewichen, das von Richtern verhängt wurde, die die
ungewöhnliche Freiheit, die er den Menschen brachte, nicht vertrugen. Jesus hat
eine ganz ungewöhnliche Freiheit verkörpert und anderen als Beispiel
hingestellt. Es wird Zeit, dass wir diese Freiheit verwirklichen, auch gegen
Kirchengesetze und kirchliche Dogmen bzw. gegen die Äquivalente dazu in Religionen,
die von sich behaupten, dass sie keine Dogmen kennen.
Die Auffassung von Jesus als dem Erlöser lebt nicht
davon, dass es eine Hölle oder gar einen personifizierten Teufel gibt, sondern
davon, dass wir zur Miterlöserschaft aufgerufen sind. Das hat nichts mit
Mitgliedschaft in einer bestimmten Konfession zu tun und es ist unabhängig
davon, ob jemand Jesus als den Erlöser anerkennt oder nicht. Ich bin zutiefst
davon überzeugt, dass es genug Miterlöser oder Stellvertreter gibt, sodass
niemand verloren geht.
Die Giordano Bruno Stiftung betont, dass wir heute
ein
zeitgemäßes Weltbild benötigen, das im Einklang mit wissenschaftlichen
Forschungsergebnissen (u.a. der Evolutionsbiologie und der Hirnforschung) steht.
So gesehen könnte man sagen, dass alles, was ich hier dargelegt habe, einer
Tätigkeit meines Gehirns entstammt.
In vielen Fällen von Nahtoderfahrungen wurde jedoch dokumentiert, dass es
außersinnliche Wahrnehmungen auch ohne ein funktionierendes Gehirn gibt
(Null-Linie im EEG).
Was ich hier formuliert habe,
ist dogmenfrei und geht über die Anschauungen der bisherigen christlichen
Konfessionen hinaus. Wir brauchen nun aber keinesfalls eine neue, zusätzliche
Konfession oder Religion. Wir brauchen eine Emanzipation von religiösen Führern.
Wir brauchen das Erwachen der Liebe Gottes in vielen Menschen und das
Bewusstsein ihrer Gemeinschaft unabhängig von jeder Weltanschauung und
unabhängig davon, ob das Wort "Gott" für sie eine Bedeutung hat oder nicht.
Dieses Erwachen wird der Zeitenwende adäquat sein, die im 21. Jahrhundert
ansteht und für die es genügend Anzeichen in den täglichen Nachrichten gibt. Ein
solches Erwachen kann Katastrophenszenarios - sei es durch Bürgerkriege und
Flüchtlingsströme, sei es durch Naturkatastrophen - mildern und vieles davon
vielleicht sogar verhindern.
Lass Religion als menschliches
Urphänomen neu und für unsere Zeit adäquat erstehen.
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Eisen und
Eis -
2. März 2011
Von heute Nacht ist mir ein Traumsymbol ganz stark
in Erinnerung. Ich sah einen wunderbaren Schmuckstein, der bestand aus zwei
Schichten. Die rechte Seite war aus weißglühendem Eisen. Die linke Seite war aus
durchsichtigem Eis. Das Eis kühlte das Eisen nicht ab. Das Eisen brachte das Eis
nicht zum Schmelzen. Dabei waren sie ganz innig miteinander verbunden. Zusammen
bildeten sie diesen sanft und rund geschliffenen Stein, den ich sah und den ich
noch immer spüre. Weil dieser Stein in meinem Inneren da ist, ist es meine
Aufgabe, das, was der Stein ist, in meinem Leben zu verwirklichen.
Für mich ist das der Weltstein, das Symbol für die
Welt als Ganzes.
Für mich ist das die Coincidentia oppositorum, das
Zusammenfallen der Gegensätze, wie es Nikolaus von Kues im Innersten der Welt
sah.
Für mich ist das der Stein der Weisen, der aus der
scheinbar ausweglosen Zerstörung der Lebensgrundlagen des Menschen herausführt.
Für Gerhild, meine Frau, ist das das unauflösbare
Miteinander der beharrenden und der verändernden Kräfte, z.B. in der
römisch-katholischen Kirche.
Es ist die Lösung des Welträtsels. Wenn uns das
gelingt, was dieser Stein zeigt, sind die Erde und die Menschheit um einen
Schritt weiter.
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Eine neue Sicht auf die Eucharistie
-
27. Februar 2011
Ich habe die Eucharistie oder das Abendmahl schon in
zwei Gedankensplittern behandelt:
"Abendmahl
und Eucharistie" und "Eucharistie
und eucharistische Anbetung". Ich nehme nichts zurück, was ich dort
geschrieben habe. Und doch ist mir ein neuer Blickwinkel gekommen. Ich betone
jetzt mehr den kosmischen Jesus, der die
Hervorbringung von allem auslöst und die Vollendung von allem vorantreibt. Er
ist immer da, jetzt und hier. Er wird in und
mit allem gequält, was gequält wird. Er wird in und mit allem befreit, was
befreit wird. Und er ist selbst das befreiende Element.
Der kosmische Jesus kann nicht auf die Anwesenheit
in Brot und Wein reduziert werden. Und man kann ihn nicht durch Worte oder
Gesten in diese Gaben hineinbefehlen, denn er zeigt sich uns in ihnen und in
allem, was uns sonst begegnet und in uns selbst. Wir sind eigentlich so innig
mit ihm verbunden, wie wir uns das gar nicht vorstellen können, und daher wagen
wir nur zu sagen: Auf diese innige Verbundenheit gehen wir zu.
Im zweiten Hochgebet der römisch-katholischen Kirche
ist ein zentraler Teil die Epiklese, die Herabrufung des heiligen Geistes auf
die Gaben Brot und Wein. Sie geschieht mit folgenden Worten: "Sende deinen Geist
auf diese Gaben herab und heilige sie, damit sie uns werden Leib und Blut deines
Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus."
Diesen Satz habe ich in meinem Hochgebet durch
folgenden ersetzt: "Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie,
damit Leib und Blut des auferstandenen Jesus in ihnen wohnen und uns immer mehr
mit ihm und untereinander verbinden."
Im Hinblick auf den kosmischen Jesus genügt mir
diese Formulierung nun nicht mehr. Ich habe sie daher wie folgt geändert:
"Sende deinen Geist auf uns herab und reinige, heile und heilige uns, damit wir
Leib und Blut des auferstandenen Jesus in diesen Gaben erkennen und uns immer
mehr mit ihm und untereinander verbinden."
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Der Schrei nach Gerechtigkeit und Mitbestimmung
-
26. Februar 2011
Was ist auf einmal los in den arabischen Ländern?
"In zahlreichen arabischen Ländern und
mittlerweile auch wieder im Iran gehen Menschen auf die Straßen, um gegen
autoritäre Regime zu protestieren oder die Protestbewegungen der Nachbarländer
zu unterstützen." (Aus: derStandard.at vom 24. Februar 2011.)
"Es herrscht die Perzeption vor, die
Aufrechterhaltung der Ordnung diene nicht in erster Linie dem Wohle der
Bevölkerungen, sondern der Bereicherung einer korrupten Elite." (Aus:
www.swp-berlin.org/de.)
"Es geht ihnen weniger um die westliche Freiheit
in unserem Sinne als um ein Leben in Würde. Sprich Brot und Arbeit und den
Aufbau eines Sozialsystems. Die Abschaffung der Unterdrückung durch Polizei und
Staat." (Aus: forum.gofeminin.de.)
"Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ist
seit einem Putsch 1969 unumschränkter Alleinherrscher. Parteien sind verboten,
Medien werden strikt kontrolliert. Kritik am politischen System ist Libyern nur
im Ausland ohne Lebensgefahr möglich. Trotzdem protestieren seit 17. Februar
Tausende. al-Gaddafi antwortete mit roher Gewalt." (Aus: derStandard.at vom 24.
Februar 2011.)
Man weiß noch nicht, wohin das alles führen wird.
Jedenfalls kündigt sich eine Wende an.
Auch in der römisch-katholischen Kirche ist eine
Wende dringend erforderlich: Weg von einem autokratischen und selbstherrlichen
System und hin zu einem System der Freiheit und der Liebe. Dagegen stehen drei
Umstände:
1. Durch Jahrhunderte wurden die Menschen im
Religionsunterricht und in den Gottesdiensten dazu erzogen, religiös unterwürfig
und unselbstständig zu sein. Diese Geisteshaltung wirkt auch heute noch weiter.
2. Das zentrale System setzt alle ihm noch
verbliebenen Machtmittel zur Abwehr von Erneuerung ein.
3. Die breite Masse der Menschen fühlt sich durch
ein solches System nicht mehr betroffen. Man geht nicht zu Demonstrationen auf
die Straße. Man kehrt dem System den Rücken - nur innerlich durch Wegbleiben von
den Gottesdiensten oder sogar äußerlich durch Kirchenaustritt.
Trotzdem ist auch hier letzten Endes die Wende
nicht aufzuhalten.
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Energiearbeit und Gebet
-
26. Februar 2011
In der letzten Zeit kam ich in sehr unangenehme
innere Zustände hinein, die jetzt wieder vorbei sind. Ich war gezwungen, meine
Erfahrungen mit Energiearbeit und mit Innenschau zu reaktivieren, um damit
fertigzuwerden. Dabei ist mir aufgefallen:
Zu Energiearbeit gehört volle Präsenz und
Bewusstheit.
Zu Gebet gehört volle Präsenz und Bewusstheit.
So gleicht sich Energiearbeit an Gebet an und umgekehrt.
So geht eines in das andere über.
Ich freue mich darüber und bin bereit, ständig
weiterzulernen. Lernen ist unser Leben.
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Das Herz - Mördergrube oder Schmelztiegel?
-
10. Februar 2011
In vielen Situationen kann ich ganz zwanglos
Liebe ausstrahlen, d.h. es kommen keine Gehässigkeiten über meine Lippen, ohne
dass ich mich anstrengen muss.
Etwas anderes sind die Gedanken, die innen
auftauchen. Da können durchaus Gehässigkeiten darunter sein. Wird so mein Herz
zu einer Mördergrube, die sich mit unterdrückten Gehässigkeiten füllt?
Keineswegs.
Mein Herz ist ein Schmelztiegel. In diesem
Schmelztiegel lösen sich die Gehässigkeiten auf und sie werden verwandelt.
Das war eigentlich das Geheimnis der Alchemie. Es
ging nicht einfach nur darum, Quecksilber in Gold zu verwandeln. Vielmehr sollte
das innere Quecksilber des Alchemisten in inneres Gold verwandelt werden.
In der heutigen Situation der Erde geht es nicht
darum, dem Stein der Weisen nachzurennen, um Quecksilber in Gold verwandeln zu
können. Aber es geht sehr wohl darum, unsere Herzen als Schmelztiegel zu
verwenden. Vielleicht wird der Menschheit dann eine Art der Energiegewinnung
geschenkt, die die Erde nicht zerstört.
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Einstehen für die Menschen und die Erde
-
8. Februar 2011
Der "Cherubinische Wandersmann" von Angelus
Silesius enthält das folgende viel zitierte Gedicht:
„Wär´ Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,
doch nicht in dir: du bliebst noch ewiglich verloren.“
Ja wollen wir denn, dass jemand ewiglich verloren
bleibt? Hassen oder verachten wir jemand so sehr? Oder über wen brechen wir
endgültig den Stab, weil er oder sie es verdient hat?
Kann der Geist des auferstandenen Jesus nur in
jemand geboren werden, der Jesus kennt? Das meine ich nicht. Und kann er nur in
jemand geboren werden, der Jesus nicht ablehnt? Das meine ich auch nicht, denn
vielleicht wird ja nur ein Zerrbild von Jesus abgelehnt.
Ist da trotzdem jemand, in dem der Geist des
auferstandenen Jesus nicht geboren wird, solange er oder sie hier auf der Erde
lebt? Wenn es so ist, dann liegt es in der Verantwortung der anderen, für ihn
oder sie einzustehen.
Wir können das Gedicht von Angelus Silesius aber
nicht nur auf den Einzelmenschen beziehen. Wir können es auch kollektiv
anschauen, in unserem Jetzt. Wir leben in einer Zeit, in der man auf viele
Gewalttätigkeiten hinweisen kann, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch
und Natur. Das Schicksal der Menschheit als Ganzes steht auf der Kippe.
Und genau in dieser unserer Zeit ist der Geist
des auferstandenen Jesus ganz stark da. Er will in vielen geboren werden. Und er
wird in vielen geboren werden. Er will, dass kein Mensch verloren geht. Und es
wird kein Mensch verloren gehen. Er will, dass sich die Menschheit mit der Erde
versöhnt. Und die Menschheit wird sich mit der Erde versöhnen.
Vielleicht durch Katastrophen hindurch. Es liegt
in unserer Hand. Wir sind dafür verantwortlich, für andere Menschen einzustehen.
Und für die Erde.
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Der Menschensohn hat keinen Ort
-
10. Januar 2011
Beim Neujahrsempfang unseres Bürgermeisters traf
ich die evangelische Lektorin, die mir einmal den Satz geschrieben hat: "Das
Lektorenamt erfüllt mich aus dem innersten Herzen." (Siehe meinen
Gedankensplitter "Aus
dem innersten Herzen".) Als ich ihr erzählte, dass Gerhild, meine Frau, und
ich am Silvesternachmittag an einem evangelischen Gottesdienst der besonderen
Art in ihrer Pfarrgemeinde teilgenommen hatten, antwortete sie: "Ja, wir machen
solche Gottesdienste von Zeit zu Zeit - ich war verreist." Mit ihren Worten kam
mir herüber, dass sie zutiefst zuhause ist, nicht nur bei Jesus, sondern auch in
ihrer Pfarrgemeinde.
In keiner christlichen Kirche - schon gar nicht
in der römisch-katholischen Kirche, deren Mitglied ich bin - bin ich wirklich
zuhause. Die römisch-katholische Kirche ist vom Klerikalismus geprägt und von
Krisen geschüttelt. Aber das allein ist es nicht. In meinen sieben Büchern, von
denen seit 2008 sechs erschienen sind oder demnächst erscheinen werden, habe ich
Texte der Bibel und des Daodejing umgestaltet und eine eigene experimentelle
Theologie entwickelt. Viele Glaubenssätze der überkommenen christlichen Kirchen
habe ich entweder ganz abgelegt oder ich drücke sie in anderen Worten aus.
Mir kommt der Satz Jesu in den Sinn: "Die Füchse
haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen
Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann." (Mt 8,20; Lk 9,58.)
In analoger Weise habe auch ich keinen Ort und
ich fühle mich Jesus ganz nahe. Aber ich verbinde mit dieser Feststellung keine
Dramatik und keine Tragik. Ich bin längst an jedem Ort, wo auch immer ich
hinkomme, zuhause.
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Und führe uns nicht in Versuchung?
-
8. Januar 2011
Das Vaterunser lautet in der ökumenischen
Fassung:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Der Satz "Und führe uns nicht in Versuchung" wird
von immer mehr Menschen, auch von mir, abgelehnt. Wie in PM-Perspektive 04/2006
berichtet wurde, hat Ruth Lapide bei der französischen Bischofskonferenz nach
jahrelanger Intervention erreicht, dass zumindest in Frankreich statt „Und führe
uns nicht in Versuchung“ gebetet wird: „Und lass uns der Versuchung nicht
erliegen“ (deutsche Übersetzung). Nach einer Information, die ich dem Essay
"Religionen für mündige Menschen" von Gisbert
König entnehme, haben auch die italienischen Bischöfe 2007 den Vers geändert. In
Italien und im Tessin wird demgemäß gebetet: „Und lass uns der Versuchung nicht
anheimfallen“ (deutsche Übersetzung). Die Begründung für solche Änderungen ist,
dass man einen Fehler bei der Übersetzung aus
dem Aramäischen ins Griechische vermutet.
In meiner Fassung (veröffentlicht in meinem Buch
"Du bist Liebe") lautet das Gebet wie folgt:
Vater,
dein Name werde geheiligt,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe
in allem, was du geschaffen hast.
Gib uns heute, was wir zum Leben brauchen,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir unsren Schuldnern vergeben.
Lass uns niemals den Glauben an dich verlieren
und löse uns aus allen Verstrickungen des Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Günther Schwarz hat die ältesten griechischen und
altsyrischen Grundtexte in die aramäische Muttersprache Jesu rückübersetzt und
anschließend den so gewonnenen Wortlaut ins Deutsche übertragen. In dem Buch
"Das Jesus-Evangelium" von Günther Schwarz/Jörn Schwarz lautet das Vaterunser
so:
Abba!
Deine Gegenwart werde geheiligt!
Dein Königtum breite sich aus!
Dein Wille geschehe!
Lass uns geben unsere Nahrung!
Und lass uns vergeben unsere Sünden!
Und lass uns retten aus unserer Versuchung!
Diese Übertragung nehme ich als Anregung, meine
Fassung des Gebets noch einmal zu überdenken. Mir gefällt die Wortwahl von
Günther Schwarz. Seine Interpretationen dazu übernehme ich nicht. Meine Fassung
ändere ich wie folgt:
Vater!
Deine Gegenwart werde erkannt.
Dein Königtum breite sich aus.
Dein Wille geschehe
in allem, was du geschaffen hast.
Gib uns heute, was wir zum Leben brauchen.
Und vergib uns unsere Schuld.
Lass auch uns unsren Schuldnern vergeben.
Lass uns dir immer ganz vertrauen
und löse uns aus allen Verstrickungen des Bösen.
Denn dein ist das Königtum
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
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Im Namen des Vaters? -
8. Januar 2011
Das Grundgebet zum Kreuzzeichen lautet:
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes. Amen.
Um nicht das Dogma der Trinität zu bedienen, um
aber andererseits das Gebet nicht zu sehr zu ändern, habe ich das Gebet vor
einigen Jahren wie folgt abgeändert (veröffentlicht in meinem Buch "Du bist
Liebe"):
Im Namen des Vaters, der den Menschensohn
gesandt hat und den Geist sendet. Amen.
Wenn man das biblische Verständnis des Namens
einer Person oder des Namens Gottes mit einbezieht, ist es besser zu sagen:
In der Gegenwart Gottes, der für uns Vater
ist, der den
Menschensohn gesandt hat und den Geist sendet. Amen.
Darüber hinaus kann ich das Gebet nicht ändern. Im persönlichen Gebet spreche ich nicht mehr den Vater an, sondern den
transzendenten Gott. Aber das geht über dieses Grundgebet hinaus.
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Die entscheidende Erfahrung Jesu am Kreuz
-
29. Dezember 2010
Die Geißelung und die nachfolgende Kreuzigung mit
dem Todesringen unter unsäglichen Qualen gehören zum Grausamsten, was Menschen
ersonnen haben. Und diese zum Tod führende Marter trifft nun denjenigen, der in
abgrundtiefem Vertrauen mit Gott vollständig eins war und ihn Vater nannte.
Wir kennen die sogenannten Sieben Letzten Worte
Jesu am Kreuz. In allen vier Evangelien sind solche Worte überliefert und sie
wurden in eine traditionelle Reihenfolge gebracht.
Davon sehe ich nun ab und betrachte nur die
Darstellung des Sterbens Jesu im ältesten Evangelium, dem Markusevangelium. Wie
es dort beschrieben ist, so hat es der Autor des Matthäusevangeliums übernommen.
Ich ziehe die genaueste Übersetzung heran, das Münchener Neue Testament.
"Und als geworden war (die) sechste Stunde,
Finsternis wurde über die ganze Erde bis zur neunten Stunde. Und in der neunten
Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi Eloi lema sabachthani? Was ist
übersetzt: Mein Gott, mein Gott, wozu verließest du mich?" Nun wird Jesus ein
Schwamm mit Essig hingehalten. "Jesus aber, ausstoßend einen lauten Schrei,
hauchte aus." (Mk 15,33.34.37.)
Im Markusevangelium wird das aramäische Wort Eloi
verwendet, im Matthäusevangelium das hebräische Wort Eli. Jedenfalls wird hier
Gott mit dem Namen El angeredet.
Jesu Muttersprache war Aramäisch. Ob nun Eloi mit
"Mein Gott" oder einfach nur mit "Gott" zu übersetzen ist, ist für mich nicht zu
entscheiden. Auf der Website von ADNT (Aramäisch-Deutsches Neues Testament), bei
der Diskussion der Letzten Worte, ist das "Mein" jedenfalls in eckiger Klammer.
Gehen wir doch ab von der einfachen Erklärung,
Jesus habe hier den Psalm 22 rezitiert, in den letzten qualvollsten
Augenblicken, kurz vor seinem Tod. Gehen wir doch einmal davon aus, dass für
Jesus in diesen Augenblicken alles zusammengebrochen ist und auf jeden Fall und
ganz besonders seine Einheit mit Gott als Vater. Nun kann er nicht mehr
vertrauensvoll Gott den Vater nennen. Er schreit den Gottesnamen und seine
Verlassenheit heraus. Seine Umgebung reagiert mit Spott und dem Essigschwamm.
Jesus stößt noch einmal einen lauten Schrei aus, diesmal unartikuliert, und
haucht aus. Man spricht ebenso vom Atemhauch wie vom Hauch des Windes und vom
Hauch des Geistes. Die ganze tiefe Bedeutung des Sterbens ist hier enthalten.
Nicht in einem vertrauensvollen sich dem Vater
Anheimgeben, sondern in dieser letzten Entäußerung entfaltet sich die ungeheure
Kraft des Sterbens Jesu, die im Evangelium so ausgedrückt wird:
"Und der Vorhang des Tempels wurde gespalten in
zwei (Stücke) von oben bis unten." (Mk 15,38.)
Die Nachfolge Jesu geht über das Erleben des
vertrauten Vatergottes hinaus. Wenn wir alles verlieren, gewinnen wir
Unermessliches. Die tiefe Sicherheit, dass Gott ist und für uns da ist, führt
uns über die Bruchstelle hinweg.
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Solve et coagula -
17. Dezember 2010
In meinen literarischen Tagebüchern habe ich vor
einigen Tagen eine Eintragung gefunden, von der ich hier einen Ausschnitt
bringe:
26. Februar 1993:
Das Widersacherprinzip handelt nach dem
Wahlspruch "Solve et coagula". Das, was getrennt wird, wird auf höherer
Ebene wieder zusammengeführt. Was den größten Schatten geworfen hat, was
kompakt und drohend aussah, ist auf einmal durchlichtet. Das Schwere, das
herabzieht, enthält alle Leichtigkeit.
Das Verteufelte gehört wieder dazu, und der
Sündenbock kehrt aus der Wüste zurück.
"Solve et coagula" (lat.: löse und verbinde) ist
eine Schlüsselformel der Alchemie. Sie bedeutet, die Eigenschaften der Dinge
voneinander zu trennen und hinterher zu einem besseren Ergebnis wieder
zusammenzufügen. Dabei geht es nicht nur um die Verwandlung der Dinge (z.B.
Heilmittel), sondern auch um die Verwandlung des Menschen.
Das setze ich nun in Beziehung mit dem Binden und
Lösen in der Bibel. In Mt 16,19 sagt Jesus dem Simon Petrus: "Et tibi dabo claves
regni caelorum et quodcumque ligaveris super terram erit ligatum in caelis et
quodcumque solveris super terram erit solutum in caelis." (Vulgata.)
"Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben, und was du auf der Erde
bindest, das soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf der Erde lösest,
das soll auch im Himmel gelöst sein." (Menge-Bibel.)
In Mt 18,18 wird die Vollmacht des Bindens und
Lösens den Jüngern bzw. der ganzen Gemeinde zugesprochen.
Der ursprüngliche Sinn dieser Worte ist
folgender: "Die Vollmacht zu 'binden und zu lösen' ist jene Vollmacht, einen
Schuldigen so aus der Gemeinde auszuschließen, dass dieser Ausschluss vor Gott
reale Bedeutung hat, bzw. die Vollmacht der Wiederaufnahme in die Gemeinde, die
Versöhnung mit Gott mit sich bringt." (Dogmatik-Skriptum von Josef Weismayer.)
Das Lösen und Binden schließt auch ein
Freisprechen oder nicht Freisprechen von Schuld mit ein, wie es in Joh 20,23
ausgedrückt wird. In diesem Sinn bedeutet Binden, dass die Gebundenheit an die
Schuld bleibt, und Lösen, dass der Mensch von der Schuld losgelöst wird.
Meine Vorstellung ist nun: Die richterliche
Entscheidung darüber, dass jemand an die Schuld gebunden bleibt, steht keinem
Menschen zu. Menschen sind dazu da, einander zur Versöhnung, zur Vergebung und
ins Leben zu rufen. Wir haben Katalysatoren für das Lösen von Verbitterungen und
Verhärtungen zu sein und Katalysatoren für das Neuwerden von Menschen und
menschlichen Beziehungen, ohne jemand einen bestimmten Lebensweg aufzuzwingen.
Denken wir doch an das Wasser: Wenn ihm ein Weg versperrt ist, sucht es sich
einen anderen. Wir können darauf vertrauen, dass es für jeden Menschen Wege
gibt. Für uns selbst und für andere Wege zu öffnen, ist unsere Aufgabe. Wege
öffnen heißt nicht, Wege vorschreiben.
Nehmen wir unsere Verantwortung an, ohne Angst.
Dann kann wahr werden, was ich in der Tagebucheintragung ausgedrückt habe:
Das Widersacherprinzip handelt nach dem
Wahlspruch "Solve et coagula". Das, was getrennt wird, wird auf höherer
Ebene wieder zusammengeführt. Was den größten Schatten geworfen hat, was
kompakt und drohend aussah, ist auf einmal durchlichtet. Das Schwere, das
herabzieht, enthält alle Leichtigkeit.
Das Verteufelte gehört wieder dazu, und der
Sündenbock kehrt aus der Wüste zurück.
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Transkatholische Transformation
-
17. Dezember 2010
In meinen literarischen Tagebüchern habe ich vor
einigen Tagen folgende Eintragungen gefunden:
20. Februar 1993:
Frage: Welches Verhältnis
habe ich nun eigentlich zur katholischen Kirche?
Antwort: Ich bin transkatholisch.
21. Februar 1993:
Als Katholik kann ich nicht Buddhist sein.
Als Transkatholik kann ich schon gar nicht Buddhist sein.
Ich kann jedoch sehr wohl als Transkatholik Transbuddhist sein.
21. Februar 1993:
Die Postmoderne nützt uns nichts.
Die Transmoderne ist gefragt.
21. Februar 1993:
In dem, was ich bin, in dem, was ich
schreibe,
die Kräfte der Transmoderne zum Ausdruck bringen.
24. Mai 1993:
Stichworte:
Das Zeitalter der Reformation ==> das Zeitalter der Transformation.
Worauf es jetzt ankommt:
"Das ist keineswegs eine 'Neubesinnung' auf die alten Werte, also keine
Re-formation, sondern Möglichkeit zu echter Transformation."
(Aus: Elisabeth Rasehorn "Geführtes Zeichnen II" in "Gestern heute morgen 2"
vom 1. 1. 1989.)
Ich habe ein wenig im Internet gesucht, um
herauszufinden, wer diese Trans-Worte sonst verwendet hat, und in welcher
Bedeutung.
Im Oktober 2009 gab es in Wien die Aufführung
einer " liturgischen Posse" mit dem Titel "Transkatholische Vögel". Laut
Beschreibung war das Stück auf der Suche nach politischen und religiösen
Utopien.
Es gibt eine Website transmoderne.de, in der man
Weblog-Einträge "jenseits der Tradition und Moderne" finden kann. Einem der
Weblog-Einträge kann man entnehmen, dass für Paul H. Ray die Träger der
Transmoderne die kulturell Kreativen sind.
Es gibt konkrete Entwicklungen der Moderne, die eine
neue Qualität der Bedrohung angenommen haben, wie beispielsweise durch
Atomwaffen, Terror, Umweltkatastrophen, Aids. Die Moderne ist janusköpfig. Die Fortschritte der Moderne produzieren
neue Risiken. Die Bedrohung, vernichtet zu werden, wird globalisiert. Die bislang bewährten
Denk- und Handlungsmuster erscheinen obsolet. Während die moderne Sichtweise das Christentum in die
bestehende Gesellschaft integrieren will, setzt die transmoderne Sichtweise bewusst einen
Kontrapunkt zur Moderne mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Transformation.
(Nach: "Ermöglichungspastoral: Ein neues Paradigma in der Seelsorge" von Joachim
Eckart.)
Mein Resümee: Die Einsicht, dass zum Linearen das
Nichtlineare, zum Stetigen das Nichtstetige gehört, ist weltweit dringend nötig,
sowie das damit verbundene Zulassen der Lebensmöglichkeiten aller und das aktive
Eintreten für diese Lebensmöglichkeiten. Damit das Weltgeschehen nicht in
Kriegen und Katastrophen auseinanderfällt, ist der Übergang zu einem neuen
Bewusstsein dringend erforderlich. Damit meine ich, dass bei vielen Menschen das
grundlegende Verständnis des miteinander Verwobenseins und aufeinander
Angewiesenseins aller Menschen und überhaupt aller Wesen dieser Erde erwachen
muss und hoffentlich auch wird. Das kann nur bei Menschen auf dem Weg zu vollem
Urvertrauen und Selbstvertrauen gelingen. Wir sind dafür verantwortlich, uns
selbst und allen Menschen solche Wege zu öffnen.
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Der Papst ist zurückgetreten -
4. Dezember 2010
Der Papst ist zurückgetreten. Kurz danach bin ich
ihm persönlich begegnet. Er wirkte auf mich vollkommen debil und hilflos und ich
fragte mich: Wie konnte er in dem Zustand überhaupt noch die Entscheidung
treffen, sein Amt aufzugeben?
Was ich da geschrieben habe, stammt nicht aus der
äußeren Realität, sondern aus einem sehr lebendigen Traum der letzten Nacht. Ich
denke aber doch, dass sich dieser Traum nicht nur auf meine Innerlichkeit
bezieht, sondern auch etwas von der tragischen Situation widerspiegelt, in die
sich die römisch-katholische Kirche im Lauf der Jahrhunderte und leider
besonders in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hineinmanövriert
hat.
Mein Traum führt mich dazu, für die Zukunft eine Bedingung
zu formulieren: Ein Papst darf, wenn er gewählt wird, nicht älter als
70 Jahre sein und er muss mit 75 wie jeder andere Bischof seinen Rücktritt
anbieten. Aber wem soll er denn seinen Rücktritt anbieten?
Er ist ja niemandem Rechenschaft schuldig. "Der Bischof von Rom hat nämlich
kraft seines Amtes als Stellvertreter Christi und Hirt der ganzen Kirche volle,
höchste und universale Gewalt über die Kirche und kann sie immer frei ausüben."
(II. Vat. Konzil, Lumen gentium 22.)
Hier noch einige im kanonischen Recht enthaltene
Beispiele von päpstlichen Unrechtsprivilegien, die im Laufe der Kirchengeschichte
zusammengeraubt wurden:
"Can. 333 - § 1. Der Papst hat kraft seines Amtes
nicht nur Gewalt in Hinblick auf die Gesamtkirche, sondern besitzt auch über
alle Teilkirchen und deren Verbände einen Vorrang ordentlicher Gewalt."
"Can. 333 - § 3. Gegen ein Urteil oder ein Dekret
des Papstes gibt es weder Berufung noch Beschwerde."
"Can. 1404 - Der Papst kann von niemandem vor
Gericht gezogen werden."
"Can. 1442 - Der Papst ist der oberste Richter
für den gesamten katholischen Erdkreis."
Ich träume nun meinen Traum im Wachzustand
weiter: Der Papst, der 75 Jahre alt geworden ist, bietet seinen Rücktritt dem
Kardinalskollegium an. Und wenn das Kardinalskollegium den Rücktritt annimmt,
setzt der Dekan des Kardinalskollegiums die Neuwahl an. Diese Vorstellung ist
ein absolutes Minimum, ein erster kleiner Schritt zu einer dringend notwendigen
Gesamtrevision des kanonischen Rechts.
In meinem Traum drücke ich ein dringendes inneres
und wie ich glaube auch äußeres Bedürfnis aus. Die Sehnsucht ist groß, dass ein
neuer Papst den im krassesten Widerspruch zu Jesus stehenden Prunk und seine
Ehrentitel ablegt und die zusammengeraubte Machtfülle aufgibt. Dass diese
Sehnsucht Erfüllung findet, ist in der derzeitigen Situation der Kirche, die in
ihren Strukturen erstarrt ist und von ihren Mitgliedern, angefangen bei den
Bischöfen, unterwürfigen Gehorsam einfordert, undenkbar. Doch vielleicht stehen
wir am Vorabend eines generellen, weltgeschichtlichen Umbruchs, dem auch und
gerade die römisch-katholische Kirche nicht entgehen wird.
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